Nach BIM und Cloud: Jetzt geht es um Kontext
Gastbeitrag von Adam Lamping, Global Industry Lead for Architecture, Engineering, Construction & Owners (AECO) bei Dropbox
Gleichzeitig zeigt eine PwC-Studie zur deutschen Bauindustrie, dass viele Unternehmen das Potenzial digitaler Technologien zwar erkennen, dieses jedoch noch nicht vollständig in produktivere Abläufe übersetzen können. Denn digitale Werkzeuge allein sorgen noch nicht dafür, dass die richtigen Informationen zur richtigen Zeit bei den richtigen Personen ankommen. Die Informationen sind oft vorhanden. Was Teams fehlt, ist der notwendige Kontext.
Jedes Bauprojekt ist ein Neustart
Die Fähigkeit, unterschiedlichste Fachkompetenzen zusammenzuführen, gehört zu den großen Stärken der Baubranche. Gleichzeitig entsteht daraus eine ihrer größten operativen Herausforderungen. Jedes Bauprojekt vereint zahlreiche unabhängige Unternehmen, die über Organisationsgrenzen hinweg zusammenarbeiten müssen. Genau an diesen Schnittstellen entstehen Verzögerungen und Ineffizienzen.
Zwar haben viele Unternehmen ihre internen Prozesse digitalisiert. Sobald jedoch Informationen zwischen verschiedenen Beteiligten ausgetauscht werden, werden Zuständigkeiten, Freigabestände oder nächste Handlungsschritte oft unübersichtlich. Verträge durchlaufen lange Freigabeschleifen, Änderungsaufträge gehen in E-Mail-Postfächern unter und sicherheitsrelevante Dokumente liegen auf unterschiedlichen Plattformen. Viel Zeit wird darauf verwendet zu prüfen, ob mit der aktuellsten Zeichnung gearbeitet wird oder ob eine Freigabe bereits erfolgt ist.
Diese Diskrepanz kostet Zeit und Geld. Laut einer aktuellen Erhebung verbringen Bauleiter und Führungskräfte durchschnittlich 11,5 Stunden pro Woche damit, Informationen zu suchen, zusammenzutragen und auszuwerten. Das ist Zeit, die für die Umsetzung von Projekten genutzt werden könnte, anstatt Daten, Dokumenten und Entscheidungsständen hinterherzujagen.
Technologie ist nicht das Problem, sondern ihre Fragmentierung
Bei der digitalen Transformation in der Baubranche lag der Schwerpunkt bisher auf der Einführung besserer Tools. Diese Investitionen haben zweifellos die Projektabwicklung verbessert. Doch jede neue Plattform schafft auch einen weiteren Ort, an dem Informationen gespeichert werden, was die Zusammenarbeit für Teams aus verschiedenen Organisationen erschwert.
Die Lösung besteht nicht darin, von jedem an einem Projekt beteiligten Unternehmen zu verlangen, dieselbe Software zu nutzen. Vielmehr geht es darum, eine gemeinsame Wissensbasis zu schaffen, die Inhalte und Kontext über bestehende Systeme hinweg zugänglich macht. In einem typischen Bauprojekt verteilen sich relevante Informationen auf Pläne, Verträge, Leistungsverzeichnisse, E-Mails und freigegebene Ordner, häufig über mehrere Anwendungen hinweg. Werden diese Quellen miteinander verbunden, können KI-gestützte Such- und Assistenzfunktionen Informationen nicht nur auffinden, sondern auch im jeweiligen Projektzusammenhang einordnen. Mitarbeitende müssen nicht länger mehrere Systeme durchsuchen, sondern können Fragen in natürlicher Sprache stellen und erhalten belastbare Antworten inklusive Verweises auf die zugrunde liegenden Dokumente. Die Ergebnisse lassen sich anschließend wieder in die bestehende Projektumgebung zurückführen, dort speichern, teilen und weiterentwickeln, sodass Wissen dauerhaft verfügbar bleibt und für künftige Aufgaben erneut genutzt werden kann.
Genau darin liegt der entscheidende Unterschied: Die nächste Stufe der Digitalisierung schafft nicht noch mehr Daten, sondern macht vorhandenes Wissen nutzbar. Denn das Bauwesen wird immer komplex bleiben. Projekte erfordern technische Prüfungen, Compliance-Prozesse, wirtschaftliche Abstimmungen und Genehmigungen zahlreicher Beteiligter. Diese Komplexität ist unvermeidbar. Nicht unvermeidbar sind jedoch die Verzögerungen, die durch fehlende Transparenz, Medienbrüche und unverbundene Informationsquellen entstehen.
Werden solche Reibungsverluste reduziert, steigt nicht nur die Produktivität. Auch Nachvollziehbarkeit, Qualität und Risikomanagement profitieren. Gleichzeitig sinkt die Gefahr, auf Basis veralteter Informationen zu arbeiten. In einer Branche, in der für jedes Projekt neue Partnerkonstellationen entstehen, wird der verlässliche Austausch von Wissen zunehmend zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor.
Die nächste Phase des digitalen Bauens
In den vergangenen zehn Jahren hat die Branche vor allem daran gearbeitet, Informationen zu digitalisieren. Die nächste Herausforderung besteht darin, diese Informationen über Unternehmens- und Systemgrenzen hinweg nutzbar zu machen. Moderne Dokumentenmanagement-Plattformen können dabei als verbindende Ebene fungieren. Sie verknüpfen die Anwendungen und KI-Oberflächen, mit denen Projektteams bereits arbeiten, unabhängig davon, ob Zeichnungen in Autodesk geprüft, Baustellenberichte in Raken erfasst oder Verträge digital über Dropbox Sign signiert werden. So entsteht ein zentraler Zugang zu aktuellen Projektinformationen, ohne bestehende Arbeitsweisen grundlegend verändern zu müssen.
Wenn Dokumente, Genehmigungen und Projektunterlagen nahtlos zwischen den Tools wechseln, kommt auch die Arbeit weiter voran. Die Baubranche braucht nicht noch mehr Informationen. Sie braucht vernetzte Informationen, die den Kontext liefern, um schnellere Entscheidungen zu treffen, Verzögerungen zu reduzieren und Projekte voranzutreiben.
Über Adam Lamping:
Adam Lamping ist Global Industry Lead for Architecture, Engineering, Construction & Owners (AECO) bei Dropbox. In dieser Position konzentriert er sich auf digitale Arbeitsabläufe, Vertragsmanagement sowie die Kerninfrastruktur und treibt komplexe Projekte voran. Als ausgebildeter Architekt hat Adam seine berufliche Laufbahn in komplexen Projekten verbracht – von der Pionierarbeit bei frühen BIM-Techniken über die Leitung der Kostenschätzung für die 300 Millionen Pfund teure Modernisierung des Bahnhofs Whitechapel im Rahmen des Crossrail-Projekts bis hin zu seiner Mitwirkung an der „Digital Construction Strategy“ der britischen Regierung.
Nach erfolgreichen Tätigkeiten in den Bereichen Solutions Consulting und Produktmarketing bei Thinkproject leitet Adam nun die Strategie von Dropbox für den Bausektor. In dieser Funktion konzentriert er sich auf die Optimierung der Vertrags- und Genehmigungsabläufe im Bauwesen und unterstützt Teams dabei, Verträge, Änderungsaufträge und Sicherheitsunterlagen zu rationalisieren, um eine intelligentere und besser vernetzte Branche zu schaffen.