Nachhaltigkeits-Zertifikate: zwischen Label-Wirrwarr und Datenrevolution
Während die einen darin unverzichtbare Qualitätsnachweise sehen, halten die anderen Gebäude-Zertifikate für kostspielige Marketinginstrumente. Mit dem angekündigten digitalen Gebäudelogbuch verschiebt sich diese Debatte. Denn wenn künftig alle relevanten Gebäudedaten zentral erfasst werden, stellt sich die Frage neu: Braucht es dann noch all die Labels?
a3BAU warf einen Blick auf den aktuellen Stand bei Gebäudezertifikaten in Österreich und darauf, wie die Branche das wachsende System aus Standards, Förderlogiken und EU-Vorgaben bewertet.
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Nachhaltigkeit ist im Bauwesen längst kein Nischenthema mehr, sondern regulatorischer, wirtschaftlicher und politischer Leitbegriff. Vom einzelnen Baustoff bis zum institutionellen Immobilienportfolio durchzieht ein dichtes Geflecht aus Qualitätssiegeln, Produktzertifikaten und Gebäudestandards die Branche. Zertifikate gelten längst nicht mehr nur als Qualitäts- oder Nachhaltigkeitsnachweis, sondern zunehmend als Eintrittskarte für Ausschreibungen, Förderungen und Finanzierungen.
Die Bau- und Immobilienbranche steht jetzt an einem Wendepunkt. Mit dem europäischen Digitalen Gebäudelogbuch entsteht derzeit nichts weniger als die neue Dateninfrastruktur für den Gebäudesektor (mehr dazu im Kommentar von Otto Handle auf Seite ??). Künftig soll jedes Gebäude einen strukturierten, digitalen Lebenslauf erhalten – maschinenlesbar, standardisiert und EU-weit vergleichbar. Was heute in Energieausweisen, Förderunterlagen, Zertifikaten und ESG-Berichten verstreut ist, soll künftig strukturiert, standardisiert und EU-weit vergleichbar abrufbar sein.
Inge Schrattenecker, Programmleitung klimaaktiv Gebäude, sieht den klimaaktiv-Gebäudestandard hier gut aufgestellt: „Im Rahmen der klimaaktiv Gebäudezertifizierung und des EU-Taxonomie-Checks werden der IST-Zustand eines Gebäudes zum Zeitpunkt der Errichtung oder Sanierung - einschließlich der verwendeten Materialien - digital erfasst. Diese Daten bieten eine fundierte Basis für die Befüllung eines digitalen Gebäudelogbuchs. Damit ist klimaaktiv gut aufgestellt, den Übergang von einer statischen Bewertung zu einem dynamischen System zu unterstützen. Die EPBD fordert ein nationales Gebäuderegister, das mit dem digitalen Gebäudelogbuch verlinkt sein sollte. Damit gäbe es ein gemeinsames Register, das alle relevanten Gebäudedaten – vom Energieausweis über den Renovierungspass bis zur GWP-Berechnung – zusammenführt. Ein solches Register wäre ein echter Meilenstein für den Gebäudesektor.“
Die EU denkt weiter
Die EU plant schon weiter und möchte ein EU-Bewilligungssystem implementieren, erklärt Handle, der Teilnehmer der SRAHG (Standardization Request Ad-Hoc Group) ist, einer Arbeitsgruppe auf EU-Ebene, die eingerichtet wurde, um die Standardisierung rund um das digitale Gebäudelogbuch vorzubereiten und zu koordinieren. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt deutlich, dass die Europäische Union die Digitalisierung von Bau- und Genehmigungsprozessen strategisch weiter vorantreibt. Im Zentrum steht dabei die stärkere Verknüpfung von Digital Building Logbooks (DBL) und Digital Building Permits (DBP), also von digitalen Gebäudedatenbanken und digitalen Baugenehmigungsverfahren. Ziel ist es, Bauverfahren effizienter zu gestalten, Genehmigungsprozesse zu beschleunigen und gleichzeitig eine bessere Datengrundlage für Energieeffizienz, Renovierungen und nachhaltige Baupolitik zu schaffen.
Aus europäischer Perspektive ist dieser Ansatz nachvollziehbar. Bau- und Renovierungsprojekte leiden in vielen Mitgliedstaaten unter langen Genehmigungsprozessen, fragmentierten Datensystemen und mehrfachen Dateneingaben. Die Studie zeigt, dass über 80 % der Daten, die für eine Baugenehmigung benötigt werden, bereits in digitalen Gebäude-Logbüchern vorhanden sein könnten. Eine Integration dieser Systeme würde daher erhebliche Effizienzgewinne ermöglichen, etwa durch automatisierte Prüfungen, weniger Bürokratie und schnellere Verfahren.
Gleichzeitig ist zu beachten, dass Bauordnungsrecht und Genehmigungsverfahren traditionell stark national bzw. regional organisiert sind. Die Beispiele aus Städten wie Wien, Rotterdam oder Madrid zeigen, dass bereits heute sehr unterschiedliche digitale Reifegrade und Verwaltungsstrukturen bestehen. Ein europaweit harmonisiertes System könnte daher nur funktionieren, wenn es genügend Flexibilität für nationale und kommunale Besonderheiten lässt.
Für Städte und Gemeinden ergibt sich daraus sowohl eine Chance als auch eine Herausforderung. Einerseits könnten standardisierte digitale Datenstrukturen die Verwaltung entlasten und neue Möglichkeiten für automatisierte Prüfungen oder datenbasierte Stadtplanung eröffnen. Andererseits erfordert die Umsetzung erhebliche Investitionen in IT-Infrastruktur, Datenstandards und organisatorische Veränderungen innerhalb der Verwaltung.
Insgesamt deutet die Studie darauf hin, dass die EU weniger ein vollständig zentralisiertes Genehmigungssystem anstrebt, sondern vielmehr gemeinsame digitale Standards und interoperable Systeme, die nationale Lösungen miteinander verbinden. Entscheidend wird sein, dass diese Entwicklung gemeinsam mit den Mitgliedstaaten und den kommunalen Verwaltungen gestaltet wird, um Akzeptanz, Rechtssicherheit und praktische Umsetzbarkeit sicherzustellen.
„Das ist kein Omnibus. Das ist High Speed“
Nach jahrelangen Studien und nur halbherziger Verankerung eines „Renovierungspasses“ in der EU-Gebäuderichtlinie EPBD beschleunigt die Europäische Kommission nun überraschend die Einführung des Digitalen Gebäudelogbuches und bereitet einen Standardisierungsauftrag an CEN vor.
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Doch während Brüssel am Fundament eines digitalen Gebäuderaums arbeitet, kämpft die Branche mit einer ganz anderen Realität: einem wachsenden Geflecht aus Labels, Standards und Qualitätssiegeln.
klimaaktiv, ÖGNI/DGNB, BREEAM, LEED, EU-Taxonomie, Renovierungspass, ESG-Scoring – für Bauherren, Investoren und Planer ist die Landschaft der Nachhaltigkeitsnachweise zunehmend unübersichtlich geworden. Für die einen sind Zertifikate unverzichtbare Qualitätsnachweise. Für die anderen sind sie kostspielige Marketinginstrumente. Wieder andere sehen in nationalen Deklarationen eine politische Bevorzugung – und in internationalen Zertifikaten ein Haftungsinstrument. Zwischen politischer Steuerung, marktwirtschaftlicher Zertifizierung und europäischer Regulierung wächst der Bedarf an Klarheit.
Mit dem digitalen Gebäudelogbuch verschiebt sich diese Debatte. Denn wenn künftig alle relevanten Gebäudedaten zentral erfasst werden, stellt sich die Frage neu: Braucht es dann noch all die Labels? Oder beginnt gerade die Phase, in der sich entscheidet, welche Qualitätssiegel mehr sind als ein Logo auf der Fassade?
Aus Sicht der ÖGNI ist das digitale Gebäudelogbuch ein wichtiger Schritt zur Digitalisierung des europäischen Gebäudebestandes, kann aber ein Zertifikat nicht ersetzen. ÖGNI-Geschäftsführer Peter Engert dazu: „Es soll eine standardisierte Datensammlung sein, nimmt keine Bewertungen vor, beinhaltet auch keine Benchmarks. Wie kommen die Daten in das Logbuch – wie verlässlich und richtig sind sie? Ein ÖGNI/DGNB-Zertifikat ist eine verlässlicher, drittgeprüfter Qualitätsnachweis. Daten aus dem Zertifikat, die in das Logbuch übernommen werden sind verlässlich – das kann im Logbuch auch so vermerkt werden.“
Relevante Gebäudezertifikate
In Österreich wird seit einiger Zeit darüber diskutiert, wie Nachhaltigkeit bei Gebäuden bewertet werden soll. Die ÖGNI kritisiert, dass der staatliche Standard klimaaktiv keine klassische Zertifizierung mit unabhängiger Konformitätsprüfung sei, sondern eher eine Deklaration auf Basis eingereichter Projektdaten. Schrattenecker zur Kritik: „Die Kritik beruht oft auf Missverständnissen. Die klimaaktiv-Gebäudezertifizierung basiert auf klaren Muss-Kriterien, einem transparenten 1.000-Punkte-System sowie geprüften und veröffentlichten Nachweisen. Laut Rechtsgutachten bestehen zwischen ,Deklaration‘ und ,Zertifikat‘ keine wesentlichen Unterschiede – in beiden Fällen sind qualifizierte Nachweise und fachliche Prüfungen erforderlich.“
Zudem werde klimaaktiv durch seine enge Verknüpfung mit Förderungen strukturell bevorzugt. Schrattenecker erklärt: „Der klimaaktiv-Gebäudestandard eignet sich gut als Grundlage für Förderungen, weil klare Muss-Kriterien und transparente Anforderungswerte z.B. im Bereich Energieeffizienz eine nachvollziehbare Qualitätsprüfung ermöglichen. Alle Kriterien des klimaaktiv Gebäudestandards sind öffentlich und kostenlos zugänglich – eine wichtige Voraussetzung für Transparenz und Harmonisierung. Rechtlich ist es daher auch legitim, wenn der Gesetzgeber für Förderprogramme klimaaktiv als Nachhaltigkeitsnachweis heranzieht.“
Aber auch abseits dieses „Zertifikate-Streits“ sprechen viele Marktteilnehmer mittlerweile von einem „Label-Wirrwarr“, unter der die Glaubwürdigkeit und Nachhaltigkeitsbemühungen leiden. (Ein Überblick über die gängigen Zertifikate lesen Sie im Info-Kasten auf S. ??) Engert: „Ein „Wirrwarr“ ist es nur dann, wenn man sich nicht damit beschäftigen will. Es gibt mittlerweile sehr viele Artikel darüber, alle Label sind mehr oder weniger transparent, sodass jeder sehr schnell feststellen kann, was für die eigene Situation und die eigenen Ziele das geeignete Instrument ist.“
Um die Frage nach der Rolle von Gebäudezertifikaten zu beantworten, muss zunächst geklärt werden, was unter einem Zertifikat verstanden wird, meint Evamaria Hammerschmid, Sustainable Finance Raiffeisen Bank International. Für sie gilt:
- Energieausweis (EPC): regulatorisches Mindestinstrument, das Transparenz über den energetischen Zustand eines Gebäudes schaffen soll
- Sustainability Building Zertifikat (z.B. ÖGNI/DGNI, LEED, BREEAM): ganzheitlicher Nachhaltigkeitsansatz, bewertet Gebäude über mehrere Dimensionen hinweg
- EU-Taxonomie Konformitätsnachweis: externer Nachweis über EU-Taxonomiekonformität des Gebäudes, kein Zertifikat im klassischen Sinn.
„Alle drei Kategorien können als Nachweis für die „Nachhaltigkeit“ eines Gebäudes dienen, liefern jedoch unterschiedliche Aussagen darüber und müssen daher aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden“, so Hammerschmid.
Michael Jelencsits, Teamleiter und Senior Consultant für Engineering bei Drees & Sommer, kennt als Auditor die Marktbedürfnisse und beobachtet die Entwicklungen im Zusammenhang mit Zertifikaten sehr genau: „Am österreichischen Markt spielen mehrere Zertifizierungssysteme eine Rolle, die jedoch unterschiedliche Funktionen erfüllen. Besonders relevant ist klimaaktiv, das vor allem im Zusammenhang mit Förderungen eingesetzt wird und daher stark durch nationale Förderlogiken geprägt ist. Im Neubau gilt das ÖGNI-Zertifikat als marktführend, während BREEAM vor allem im Bestandssegment eine gewisse Bedeutung hat. International betrachtet reduziert sich die Zahl der tatsächlich relevanten Systeme deutlich. Für institutionelle Investoren sind vor allem ÖGNI/DGNB, BREEAM und LEED maßgeblich, da diese Systeme international vergleichbar und etabliert sind. Nationale Programme wie klimaaktiv spielen aus Sicht internationaler Investoren meist eine geringere Rolle, da nahezu jedes Land eigene Förderinstrumente besitzt.“
In der Praxis führe das häufig dazu, dass Projekte zwei Zertifizierungen anstreben: eine nationale, um Fördervoraussetzungen zu erfüllen, und eine international anerkannte, um die Immobilie für internationale Investoren und Finanzierer vergleichbar und marktfähig zu machen, so Jelencsits.
Engert bringt noch einen weiteren Aspekt ein: „Wenn wir uns ernsthaft um die Entbürokratisierung kümmern wollen, ist es vollkommen unverständlich, dass z.B. ein und derselbe Energieverbrauch eines Gebäudes für jede Deklaration und Bericht unterschiedlich, teilweise mit abweichenden Parametern berechnet werden muss. Wir wünschen eine europäische Lösung wie z.B. bei der EU-Taxonomie, wo auf regionale Befindlichkeiten eingegangen werden kann, aber die Grundlage die gleiche ist. Vielleicht ist das Digitale Logbuch dafür eine Chance. Bei jedem Gebäude, das über ein 2-Familienhaus hinausgeht, wünschen wir uns eine verlässliche und belastbare Datenlage auf deren Basis weitergearbeitet werden kann: Sanierung, Rückbau, Verdichtung, Verkauf, Vermietung, etc. Das kann nur ein drittgeprüftes echtes Zertifikat liefern, damit werden keine Fonds, Banken, Investoren, Steuerzahler, Wirtschaftsprüfer in die Irre geführt.“
„Essentials“: Zertifikat für den leistbaren Wohnbau
Unter dem Arbeitstitel „Essentials“ wird von der ÖGNI derzeit an einem neuen Zertifikat „gebastelt“, an einem neuen europäischen Nachhaltigkeitszertifikat für Wohngebäude. Hintergrund ist die Erkenntnis, dass viele Immobilien – insbesondere im gemeinnützigen Wohnbau – keine aufwendigen Zertifizierungen mit Gold- oder Platin-Stufen benötigen, da sie nicht international gehandelt werden und weder Investoren noch Mieter beeindrucken müssen. Ein solches System kann in diesem Kontext sogar schwer erklärbar sein, etwa gegenüber Eigentümern oder Kontrollinstanzen.
Das neue Modell soll deshalb einen einfacheren Ansatz verfolgen: Es bestätigt gutachterlich, dass ein Gebäude nachhaltig ist, ohne unterschiedliche Auszeichnungsstufen. Grundlage sind klar definierte Benchmarks – werden sie erfüllt, gilt das Gebäude als nachhaltig. Eine „Übererfüllung“ mit zusätzlichen Nachhaltigkeitsgraden ist nicht vorgesehen. „Die Qualität unserer Wohngebäude steht für sich selbst. Sie erfüllt von Anfang an alle wichtigen Nachhaltigkeitskriterien und braucht keine Zusatzstufen oder weiteren Benchmarks. Mit dem neuen Zertifikat ‚Essentials‘ wird diese Nachhaltigkeit einfach und verständlich bestätigt. Mehr braucht es nicht für den gemeinnützigen Wohnbau“, erklärt dazu Isabella Stickler, Obfrau Arge Eigenheim und Vorstandsvorsitzende Alpenland.
„Ein Zertifikat für den leistbaren Wohnbau“
Die ÖGNI arbeitet an einem neuen europäischen System zur Bewertung nachhaltiger Wohngebäude – ohne Gold-, Silber- oder Platin-Stufen. ÖGNI-Geschäftsführer Peter Engert erklärt, warum klassische Zertifikate für viele Immobilien – etwa im gemeinnützigen Wohnbau – wenig sinnvoll sind und wie ein einfaches Nachhaltigkeits-Gutachten künftig funktionieren könnte.
Hier geht's zum Interview mit Peter Engert (ÖGNI)
Treiber für Gebäudezertifizierungen
Nach Einschätzung von Michael Jelencsits (Drees & Sommer) gibt es im Zertifizierungsmarkt zwei bis drei zentrale Treiber: „Dazu zählen die intrinsische Motivation von Bauherren, Förderprogramme sowie Finanzierungsanforderungen. Während es durchaus Bauherren gibt, die aus Überzeugung zertifizieren lassen, sind in der aktuellen Marktsituation vor allem Förderungen und Finanzierung die entscheidenden Faktoren. In früheren Jahren spielte stärker das sogenannte Exit-Szenario eine Rolle – also die Frage, wie gut sich eine Immobilie später verkaufen lässt. Dieses Motiv bleibt relevant, wird aber zunehmend durch regulatorische Anforderungen ergänzt. Die Dynamik der letzten Jahre ist aus meiner Sicht zu etwa 70 Prozent auf EU-Regulierungen zurückzuführen, rund 30 Prozent entfallen auf ein allgemeines Umdenken im Markt. Seit etwa 2023 haben Nachhaltigkeitsaspekte deutlich an Gewicht in Ankaufs- und Finanzierungsprozessen gewonnen. Hintergrund sind vor allem EU-Regulierungen wie die Green Asset Ratio, die Banken dazu verpflichten, den Anteil nachhaltiger Finanzierungen zu erhöhen und Risiken aus nicht nachhaltigen Assets zu reduzieren.“
Damit wächst auch die Sorge vor sogenannten Stranded Assets – Immobilien, die aufgrund von Klimarisiken oder fossiler Energieversorgung künftig schwer vermarktbar sein könnten. Selbst Investoren mit relativ kurzer Haltedauer berücksichtigen daher zunehmend, ob ein Objekt in einigen Jahren noch problemlos verkäuflich sein wird. Insgesamt führe diese Entwicklung bereits zu einer Tendenz zu unterschiedlichen Finanzierungskonditionen, so Jelencsits: „Zertifizierte Gebäude erhalten teilweise bessere Konditionen, während fehlende Zertifizierungen zu Nachteilen führen können. Zwar seien die Unterschiede derzeit noch moderat, die Richtung sei jedoch klar erkennbar.“
Green Finance: Zertifikate als Instrument der Risikostreuung
Aus Sicht der Banken gelten energieineffiziente Gebäude zunehmend als Risiko. Hammerschmid (RBI): „Sie können durch strengere regulatorische Anforderungen – etwa im Zuge der EPBD – unter Druck geraten, langfristig an Marktwert verlieren („Brown Discount“) und aufgrund höherer Betriebskosten ein erhöhtes Cashflow- und Kreditrisiko aufweisen. Energieausweise dienen daher häufig als niederschwelliger Nachweis, um den energetischen Zustand von Gebäuden zu bewerten und besonders ineffiziente Assets zu identifizieren. Gleichzeitig versuchen Banken, ihre Immobilienportfolios zu dekarbonisieren und gezielt nachhaltige Gebäude zu finanzieren.“
Zum Nachweis nachhaltiger Assets werden Energieausweise, Nachhaltigkeitszertifikate oder EU-Taxonomie-Nachweise herangezogen. „Auf dieser Grundlage können etwa Green Loans vergeben werden, teilweise mit günstigeren Finanzierungskonditionen“, erklärt Hammerschmid. Für Banken sind Zertifikate dabei vor allem ein Instrument der Risikosteuerung: Sie helfen, nicht nachhaltige Immobilien im Portfolio zu erkennen und gleichzeitig besonders nachhaltige Assets gezielt auszubauen.
Aus Green-Finance-Sicht gewinnt vor allem die EU-Taxonomie an Bedeutung. Die Taxonomiekonforme Gebäude gelten zunehmend als „Best-in-Class“-Assets, da sie klar definierte technische Kriterien erfüllen und direkt auf die europäischen Klimaziele einzahlen, so die Sustainable Finance-Expertin: „Energieausweise bilden dabei die grundlegende Basis für die energetische Einordnung von Gebäuden und für Sanierungsstrategien. Klassische Nachhaltigkeitszertifikate wie DGNB/ÖGNI, LEED, BREEAM gelten weiterhin als Nachweis eines erhöhten Nachhaltigkeitsniveaus, verlieren jedoch aus Kapitalmarktsicht etwas an Gewicht, da sie einen breiteren Nachhaltigkeitsansatz verfolgen und nicht immer direkt mit den Dekarbonisierungszielen kompatibel sind.“ Neben Klimaschutz rücken laut Hammerschmid künftig zudem Themen wie Kreislaufwirtschaft, Biodiversität und Klimawandelanpassung stärker in den Fokus.
Zweiklassengesellschaft von Immobilien?
Droht damit eine Zwei-Klassen-Welt am Immobilienmarkt: „taxonomiekonform finanzierbar“ vs. „Stranded Assets“? Hammerschmid entwarnt: „Zwischen vollständig EU-Taxonomie konformen Gebäuden und „Stranded Assets“ existiert ein breites Spektrum an Übergangs- oder teilkonformen Gebäuden, die teilweise die Klimaziele erfüllen, saniert werden können oder einzelne ESG-Kriterien abdecken. Banken betrachten den Immobilienmarkt daher differenzierter und wir sehen eine solche Zwei-Klassen-Welt in nächster Zeit als unwahrscheinlich.“
Auch Jelencsits (Drees & Sommer) sieht eine zunehmende Differenzierung am Markt, spricht jedoch eher von einer Entwicklung als von einer klaren Zweiklassengesellschaft: „Nachhaltigkeitsaspekte fließen seit etwa 2023 deutlich stärker in Ankaufs- und Finanzierungsprozesse ein als noch wenige Jahre zuvor. Während Nachhaltigkeit früher bei Transaktionen zwar geprüft worden ist, hat das Ergebnis oft kaum Einfluss gehabt. Heute stellt sich für Investoren zunehmend die Frage, ob eine Immobilie langfristig vermarktbar bleibt – etwa im Hinblick auf Klimarisiken, CO₂-Emissionen oder fossile Energieversorgung. Erste Effekte sind bereits sichtbar: Zertifizierte Gebäude erhalten teilweise bessere Finanzierungskonditionen, während fehlende Nachhaltigkeitsnachweise zu Nachteilen führen können.“ Noch seien die Unterschiede allerdings nicht massiv, die Richtung sei jedoch klar erkennbar, so Jelencsits.
Zertifizierungskosten oft überschätzt
In der Branche hält sich hartnäckig der Eindruck, dass Nachhaltigkeitszertifizierungen zu einem immer größeren Kostenfaktor werden und Projekte dadurch zusätzlich belasten. Wer sich jedoch genauer mit den tatsächlichen Aufwendungen beschäftigt, kommt oft zu einem anderen Ergebnis. Jelencsits relativiert die Kosten von Gebäudezertifizierungen deutlich: „Die reinen Zertifizierungskosten – etwa für Auditorenleistungen und Nachweise – liegen deutlich unter einem Prozent der Gesamtbaukosten. Selbst bei ambitionierten Standards wie einer Gold-Zertifizierung bewegen sich die Mehrkosten häufig unter 0,5 Prozent, sofern das Projekt von Beginn an auf eine Zertifizierung ausgerichtet wird. Entscheidend ist daher vor allem der Zeitpunkt: Werden Nachhaltigkeitsanforderungen früh in die Planung integriert, bleibt der zusätzliche Aufwand gering.“ Problematisch wird es laut Jelencsits vor allem dann, wenn erst während der Bauausführung oder am Ende des Projekts entschieden wird, eine Zertifizierung anzustreben.
Qualitätssiegel für nachhaltige Baustoffe: Orientierung – mit Einschränkungen
Neben Gebäudezertifikaten spielt auch eine Vielzahl an produktbezogenen Qualitätssiegeln eine Rolle. Sie kennzeichnen bestimmte ökologische oder gesundheitliche Eigenschaften einzelner Baustoffe. In Österreich sind vor allem das Österreichische Umweltzeichen, das Label natureplus sowie bei Holzprodukten FSC und PEFC verbreitet. Auch das deutsche Umweltzeichen Blauer Engel findet im österreichischen Markt Anwendung.
Die Siegel werden von staatlichen Stellen, unabhängigen Vereinen oder internationalen Organisationen vergeben. Hersteller beantragen sie freiwillig, um ihre Produkte im Wettbewerb zu positionieren und ökologische Eigenschaften sichtbar zu machen. Für Planer:innen, öffentliche Auftraggeber oder auch private Bauherren dienen sie als Orientierung bei der Produktauswahl.
Inhaltlich konzentrieren sich Qualitätssiegel meist auf einzelne Kriterien – etwa Emissionen, Schadstofffreiheit oder die Herkunft von Rohstoffen. Dadurch sind sie relativ niedrigschwellig und leicht verständlich, ersetzen jedoch keine umfassende Nachhaltigkeitsbewertung über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts.
Kritisch gesehen wird vor allem die große Vielfalt an Labels mit teilweise unterschiedlichen Anforderungen und Transparenzniveaus. Für Hersteller, Planer und Auftraggeber wird es dadurch zunehmend schwieriger, Aussagen verschiedener Siegel miteinander zu vergleichen. Hinzu kommt, dass manche Zertifizierungen stark auf eingereichten Daten und Dokumentationen basieren. Aus Sicht der Industrie entsteht dadurch ein Spannungsfeld zwischen dokumentierter Nachhaltigkeit und realer Produktionspraxis.
Auch die Kosten für Zertifizierungen und Prüfverfahren werden von Unternehmen – insbesondere von kleineren Betrieben – als relevante Belastung genannt. Insgesamt formuliert die Branche ihre Kritik weniger gegen Nachhaltigkeitsziele selbst, sondern gegen ein System, das aus ihrer Sicht immer komplexer wird und dessen tatsächlicher ökologischer Mehrwert nicht immer klar nachvollziehbar ist.
Nachhaltigkeitszertifikate und EPDs: Datengrundlage für ESG und Gebäudebewertung
Deutlich systematischer aufgebaut sind Nachhaltigkeitszertifikate für Baustoffe, die auf standardisierten Bewertungsverfahren beruhen. Zentral sind dabei Environmental Product Declarations (EPDs). Sie liefern normierte Umweltkennwerte über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts und basieren auf europäischen Normen wie EN 15804. In Österreich werden solche Deklarationen unter anderem über internationale Programmhalter wie das Institut Bauen und Umwelt (IBU) oder die Bau-EPD Gmbh erstellt.
EPDs enthalten Daten zu CO₂-Emissionen, Primärenergiebedarf, Ressourcenverbrauch oder Entsorgungsphasen eines Produkts. Sie dienen vor allem als Grundlage für Ökobilanzen von Gebäuden, für Gebäudezertifizierungen sowie zunehmend für ESG-Bewertungen und Anforderungen der EU-Taxonomie. Entsprechend relevant sind sie für exportorientierte Industrieunternehmen, Planungsbüros, Projektentwickler und Investoren.
Im Unterschied zu klassischen Qualitätssiegeln steht hier weniger ein Label im Vordergrund, sondern die Bereitstellung belastbarer Umweltkennwerte. EPDs bewerten Produkte allerdings nicht qualitativ – sie liefern Daten, ohne eine Aussage darüber zu treffen, ob ein Produkt „gut“ oder „schlecht“ ist.
Auch dieses System wird von Teilen der Baustoffindustrie kritisch betrachtet. Als Herausforderung gelten vor allem hoher administrativer Aufwand, methodische Komplexität sowie unterschiedliche Auslegungen innerhalb Europas. Annahmen zu Lebensdauer, Transportwegen oder Energie-Mix können Ergebnisse beeinflussen, was die Vergleichbarkeit zwischen Produkten teilweise erschwert.
Hinzu kommt der wachsende regulatorische Kontext: Nachhaltigkeitsnachweise werden zunehmend benötigt, um Taxonomie-Konformität oder Förderfähigkeit nachzuweisen. Kritiker sehen darin die Gefahr, dass Zertifikate primär formale Anforderungen erfüllen, während ihr tatsächlicher Beitrag zu messbaren ökologischen Verbesserungen schwer zu beurteilen bleibt.
SHI-Produktpass: Digitale Schnittstelle zwischen Produktdaten und Zertifizierung
Der SHI-Produktpass des Sentinel Haus Instituts ist kein klassisches Nachhaltigkeitszertifikat, sondern ein digitaler Produktpass, der bestehende Nachweise und Umweltinformationen zu einem Baustoff bündelt. In einem Dokument beziehungsweise Datensatz werden etwa EPDs, Emissionsprüfungen, Produktsiegel und weitere Nachhaltigkeitsdaten zusammengeführt.
Ziel ist es, Planern, Auditoren und Bauunternehmen den Zugriff auf die für Gebäudezertifizierungen benötigten Produktdaten zu erleichtern. Der Produktpass ist so aufgebaut, dass die enthaltenen Informationen direkt als Nachweis für Systeme wie DGNB, BREEAM, QNG oder EU-Taxonomie genutzt werden können.
Alexander Sinner, Geschäftsführer der Austrotherm Dämmstoffe GmbH: „Mit dem SHI-Produktpass stellen wir unseren Kunden eine praxistaugliche Lösung zur Verfügung, die nicht nur Zeit und Ressourcen spart, sondern auch die Qualität und Nachhaltigkeit unserer Produkte unterstreicht. Dieser Service erleichtert die Umsetzung nachhaltiger Bauvorhaben erheblich.”
Damit übernimmt der SHI-Produktpass eine vermittelnde Rolle im Nachhaltigkeitssystem der Bauwirtschaft: Er erzeugt keine eigene ökologische Bewertung, sondern strukturiert vorhandene Daten und Zertifikate so, dass sie für Planungs- und Zertifizierungsprozesse leichter nutzbar sind.
Im Kontext der zunehmenden Digitalisierung der Bauwirtschaft wird der Ansatz häufig als Vorläufer eines umfassenden digitalen Produktpasses verstanden, wie er künftig auch auf EU-Ebene für verschiedene Produktgruppen vorgesehen ist.
Gebäudezertifikate im Überblick
Nachhaltigkeitslabels für Gebäude gibt es viele – sie verfolgen jedoch unterschiedliche Ziele, Prüfmethoden und Funktionen im Markt. Ein Überblick über zentrale Systeme.
>> EU-Taxonomie
Die EU-Taxonomie ist kein Zertifikat, sondern ein Klassifikationssystem der Europäischen Union für nachhaltige wirtschaftliche Aktivitäten. Für Gebäude definiert sie Kriterien etwa zu Energieeffizienz und Klimaschutz. In der Praxis erfolgt die Bewertung meist über Taxonomie-Prüfungen oder Gutachten, die für Finanzierungen und ESG-Reporting relevant sein können.
>> klimaaktiv
klimaaktiv ist ein Bewertungssystem des österreichischen Klimaschutzministeriums für Gebäude und Produkte. Projekte werden anhand eines Punktesystems bewertet, wobei die Einreichung der Unterlagen durch Projektbeteiligte erfolgt und eine Plausibilitätsprüfung stattfindet. Der Standard wird in Österreich häufig im Zusammenhang mit Förderprogrammen und öffentlichen Beschaffungen eingesetzt.
>> LEED
Leadership in Energy and Environmental Design ist ein international verbreitetes Gebäudezertifizierungssystem aus den USA, das weltweit vor allem bei Büro- und Gewerbeimmobilien eingesetzt wird. Es bewertet unter anderem Energieeffizienz, Standortqualität, Materialien und Innenraumqualität.
>> BREEAM
Building Research Establishment Environmental Assessment Method wurde in Großbritannien entwickelt und zählt zu den ältesten Gebäudezertifizierungssystemen. Es wird international eingesetzt und bewertet Gebäude anhand verschiedener Nachhaltigkeitskriterien, darunter Energie, Management, Materialien und Nutzung.
>> ÖGNI / DGNB
Das DGNB-System der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen wird in Österreich über die ÖGNI (Österreichische Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft) angewendet. Es bewertet Gebäude anhand eines ganzheitlichen Ansatzes mit ökologischen, ökonomischen und sozialen Kriterien und wird vor allem bei größeren Immobilienprojekten eingesetzt.