Was unter leistbarem Wohnen zu verstehen ist
Wagner eröffnete seine Keynote mit einer unbequemen und nur allzu gegenwärtigen Wahrheit: „Die Lohnkosten sind durch die Corona-Zeit extrem gestiegen. Ich habe noch nie gesehen, dass der Index bei den Lohnkosten gefallen ist. Eigentlich können wir uns schon verabschieden davon, dass Bauen billiger wird." Diese Ausgangslage macht innovative Ansätze umso dringlicher.
Ernüchternde Bestandsaufnahme der aktuellen Baukosten
Die von ihm in seiner Keynote präsentierten Zahlen zeigen die dramatische Kostensituation im österreichischen Wohnbau. Aktuelle Projekte erreichen Verkaufspreise zwischen 5.200 und 7.800 Euro pro Quadratmeter. Allein die Grundstückskosten variieren stark: In Wien liegen sie bei 1.000 bis 2.000 Euro pro Quadratmeter Wohnflächenanteil, selbst in Wiener Neustadt noch bei 600 Euro. „Das muss man sich einmal überlegen: Wir zahlen 600 Euro auf den Quadratmeter anteilige Wohnfläche", verdeutlichte Wagner die Problematik.
Besonders kritisch sieht Wagner die doppelte Finanzierungslast: „Ich finanziere das erste Mal das Bauen, und die zweite Geschichte ist die Finanzierung bei dem, der kauft. Das heißt, ich finanziere jetzt nochmal die Finanzierung." Diese Kostenspirale macht Wohnen für viele Menschen unerschwinglich.
Foto: a3BAU/Jürg Christandl
Revolutionäres Bausystem mit standardisierten Elementen
Porrs Antwort auf diese Herausforderung ist ein vollständig durchgeplantes Modulsystem. Die Grundrisse mit 7 Meter Tiefe bieten alle notwendigen Wohnfunktionen: Zimmer, Bad, WC, Abstellraum, Küche und Balkon. Das System erreicht einen Wärmebedarf von nur 20 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr, erfüllt die ÖGNI-Goldzertifizierung und hält die EU-Taxonomie-Anforderungen ein.
Der Workflow wurde radikal vereinfacht: In der „Phase 0" wird in nur drei Tagen ermittelt, was auf einem Grundstück realisierbar ist. Nach zwei bis drei Wochen liegt eine fixfertige Genehmigungsplanung mit 100-prozentiger Kostenwahrheit vor. „Zwischen dem Jahr, bis wir bauen können und bis die Behörde zurückkommt, könnten wir theoretisch schon produzieren", erläuterte Wagner das Effizienzpotenzial.
Energiekosten auf Passivhausniveau
Ein besonderer Vorteil des Systems liegt in den minimalen Betriebskosten. Mit einem Euro pro Quadratmeter und Monat für alle Energiekosten – inklusive Heizung, Kochen und umgelegtem Allgemeinbereich – erreicht das Konzept Passivhausniveau. Bei einer 70-Quadratmeter-Wohnung bedeutet das jährliche Energiekosten von nur 840 Euro.
Kritik an aktuellen Bautrends und Regularien
Wagner übte deutliche Kritik an gängigen Baupraktiken. Besonders Balkone sieht er kritisch: „Wenn ich in Wien aus dem Büro rausschaue, sehe ich zu keiner Tages- und Abendzeit irgendjemanden am Balkon sitzen. Was am Balkon drauf ist, ist das E-Bike." Auch übertriebene Wohnungstiefen von bis zu 9 Metern, die nur der Maximierung der Wohnungsanzahl dienen, lehnt er ab.
Als Haupthindernisse für leistbares Wohnen identifizierte Wagner drei Faktoren: Gestaltungsbeiräte, die systematische Lösungen blockieren, überlange Bewilligungszeiten und überzogene Stellplatzverpflichtungen. „Wir haben teilweise Bundesländer, wo wir zwei Stellplätze pro Wohnung brauchen, und dann stehen die Garagen leer", kritisierte der Porr-Geschäftsführer.
Plädoyer für pragmatisches Umdenken
Wagner schloss seine Keynote pragmatisch: „Wenn wir Wohnungsnot haben und billige Wohnungen zur Verfügung stellen müssen, dann muss in unserem Kopf vielleicht einmal ein Umdenken passieren." Er betonte, dass sein vorgestelltes System nicht für alle Situationen geeignet sei, aber für die Bewältigung der Wohnungskrise einen wichtigen Beitrag leisten könne.
Die 6. Österreichischen Bautage finden vom 13. bis 14. November 2025 im Congress Loipersdorf statt. Der Vortrag von Gernot Wagner bildete den Abschluss des ersten Veranstaltungstages zum Thema „Bauen wir die Zukunft".