Symbolische, KI-generierte Illustration einer Baustelle bei extremer Hitze
© adobestock.com/Günter Albers

Bauen für über 40 Grad

Bauen für über 40 Grad ist längst keine Ausnahme mehr: Normen, Förderungen und Baupraxis rechnen mit 31,5 Grad, real sind es in diesem Sommer mehrmals über 40 Grad. Der Juni 2026 brachte Österreich eine Hitzewelle von rund zwei Wochen, Anfang August stand das Land erneut unter der höchsten Hitze-Warnstufe. Die Antwort darauf entscheidet sich in den nächsten drei bis fünf Jahren zwischen passivem Hitzeschutz und flächendeckender Klimatechnik.

Bauen für über 40 Grad ist in Österreich in diesem Sommer zur Realität geworden. Der Juni 2026 brachte Österreich eine Hitzewelle von rund zwei Wochen. Den österreichweiten Höchstwert von 40,1 Grad meldete am 29. Juni Bad Deutsch-Altenburg, einen Tag zuvor erreichte die Station Wien-Innere Stadt erstmals in der Messgeschichte die 40-Grad-Marke. An 157 von 277 Messstationen fielen Rekordwerte.

Eine zweite Zahl ist für die Bauwirtschaft mindestens ebenso relevant: Von Mitte bis Ende Juni fiel praktisch kein Niederschlag, in Niederösterreich, Wien und im nördlichen Burgenland verschärfte sich eine seit Dezember 2025 anhaltende Trockenheit. Dazwischen lagen Extremereignisse wie in Bruck an der Mur, wo am 20. Juni 97 Millimeter Regen in zwei Stunden fielen. Hitze und Starkregen als Abfolge innerhalb weniger Tage sind für Entwässerung, Retention und Abdichtung die eigentliche Belastungsprobe.

Und dann kam der August

Der Sommer hat nachgelegt, und zwar in drei Etappen. Am 3. August meldete Wien-Stammersdorf 40,1 Grad, am 4. August dieselbe Station 41,0 Grad und am 5. August um 15.40 Uhr Bad Deutsch-Altenburg 41,2 Grad. Das ist der neue österreichische Allzeitrekord, gemessen an jener Station, die mit 40,5 Grad aus dem Jahr 2013 auch den bisherigen Höchstwert gehalten hatte und die zudem den Juni-Höchstwert dieses Jahres hält. Drei Tage in Folge mit 40 Grad oder mehr hat es in Österreich noch nie gegeben. Allein am 5. August fielen an 27 Messstationen neue Allzeitrekorde, darunter Wien-Innere Stadt mit 40,2 Grad sowie Langenlebarn und Mistelbach mit je 40,4 Grad. Für den 4. und 5. August gab die GeoSphere Austria die rote Warnstufe aus, die höchste von vier Stufen, und zwar für Wien, das Weinviertel, das nördliche Burgenland, das Wiener Becken und St. Pölten. Entspannung zeichnete sich dann erst in der zweiten August-Hälfte ab.

Zwei Zahlen aus dieser Warnlage sind für Planung und Betrieb wichtiger als die Spitzenwerte. Erstens die Nächte: In Hornstein im Burgenland sank die Temperatur in der Nacht auf den 5. August nicht unter 28,5 Grad, das ist die wärmste Nacht der österreichischen Messgeschichte. In den Städten lagen die Tiefstwerte zwischen 24 und 27 Grad. Damit fällt genau jene nächtliche Auskühlung aus, auf die Lüftungskonzepte und Speichermasse angewiesen sind. Zweitens die Häufigkeit: Nach Angaben der GeoSphere Austria liegt die Zahl der Tage mit mindestens 30 Grad heuer um das Zwei- bis Zehnfache über dem Mittel der Referenzperiode 1961 bis 1990 und noch um das 1,5- bis 3,8-Fache über dem Mittel 1991 bis 2020. Die Wiener Innenstadt zählte bereits 2024 erstmals über 50 Hitzetage, im Mittel der Jahre 2020 bis 2025 waren es stadtweit rund 30 pro Jahr gegenüber 9,6 im Zeitraum 1961 bis 1990. Für Bestandsobjekte ist das eine Verschiebung der Betriebsbedingungen, keine Komfortfrage.

Kühlbedarf ist messbar geworden

Wie stark die Hitzebelastung in Österreichs Orten und Regionen gestiegen ist, zeigt der neue Techem Hitzeatlas Österreich. Er stellt die Entwicklung seit 1980 dar. Grundlage der Auswertung sind sogenannte Kühlgradtage („Cooling Degree Days"). Diese Kennzahl zeigt, wie häufig und wie stark die Außentemperaturen einen rechnerischen Kühlbedarf verursachen. Je höher der Wert, desto größer ist die Hitzebelastung. Lag der österreichweite Durchschnitt 1980 noch bei 1,44 Kühlgradtagen, waren es 2025 bereits 25,39.

Österreichkarte mit Hitzepolen
Kühlgradtage in Österreich stark gestiegen
Lag der österreichweite Durchschnitt 1980 noch bei 1,44 Kühlgradtagen, waren es 2025 bereits 25,39. Die Verteilung folgt einem klaren Ost-West-Gefälle. Überdurchschnittlich gestiegen ist der Kühlbedarf laut Techem in Wien, im Burgenland und in Niederösterreich.(© Techem)

Für die Berechnung wird die mittlere Temperatur eines Tages herangezogen. Erreicht sie mindestens 24 °C, wird die Differenz zu einer festgelegten Basistemperatur von 21 °C berechnet. Bei einer Tagesmitteltemperatur von 26 °C ergeben sich somit fünf Kühlgradtage. Diese Werte werden über das Jahr summiert. Die Kennzahl beschreibt den witterungsbedingten Kühlbedarf, sagt aber noch nichts darüber aus, wie viel Energie ein bestimmtes Gebäude tatsächlich für die Kühlung benötigt.

Die Verteilung folgt einem klaren Ost-West-Gefälle. Überdurchschnittlich gestiegen ist der Kühlbedarf laut Techem in Wien, im Burgenland und in Niederösterreich. Unter den zehn Regionen mit dem höchsten Kühlbedarf 2025 liegen Wien, Nordburgenland, Wiener Umland Süd und Nord, Weinviertel, St. Pölten und Südburgenland, dahinter Linz-Wels, Klagenfurt-Villach sowie die West- und Südsteiermark. Wie eng gerechneter Kühlbedarf und akute Belastung zusammenhängen, zeigte sich Anfang August: Die Regionen unter roter Warnstufe deckten sich fast vollständig mit den Spitzenplätzen des Hitzeatlas. Die Anforderung beschränkt sich damit nicht auf die Bundeshauptstadt.

Bauphysikalisch entscheidend ist der Mechanismus dahinter. Solange Innenräume nachts auskühlen, hält richtiges Lüften die Temperatur erträglich. Bleibt die Abkühlung aus, bis hin zu Tropennächten, muss Gebäudetechnik übernehmen. An dieser Schwelle entscheidet sich, ob ein Gebäude passiv auskommt oder aktiv gekühlt werden muss. Karl Moll, Geschäftsführer der Techem Messtechnik GmbH in Österreich, leitet daraus eine Betriebsaufgabe ab: Gebäude datenbasiert so zu steuern, dass Komfort und Effizienz erhalten bleiben, ohne den Energieaufwand in die Höhe zu treiben. Adressiert sind Wohnungswirtschaft, Gebäudebetreiber und Kommunen.

Es trifft die Schwächsten

Wo Gebäude versagen, wird aus dem bauphysikalischen Problem ein gesundheitliches. Am deutlichsten zeigt sich das in Alten- und Pflegeheimen. Der Pensionistenverband Österreichs fordert verbindliche Hitzeschutzpläne für alle diese Einrichtungen. Der Kern des Arguments ist regulatorisch: Es gibt einen Nationalen Hitzeschutzplan und Empfehlungen für Gesundheits- und Sozialeinrichtungen, die Umsetzung ist aber nicht bundesweit verpflichtend geregelt und erfolgt je nach Bundesland und Einrichtung unterschiedlich.

Für die Bauwirtschaft relevant sind die baulichen Punkte des Forderungskatalogs: ausreichend klimatisierte oder aktiv gekühlte Aufenthaltsräume, wirksame Beschattung, Maßnahmen gegen die Überhitzung der Gebäude selbst. Dazu fordert der Verband langfristige Investitionen in die Klimafitness der Einrichtungen, konkret thermische Sanierungen, außenliegenden Sonnenschutz, Begrünung und moderne Kühlsysteme, und die Ausweitung auf Tageszentren, Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, Kindergärten und Schulen. Präsidentin Birgit Gerstorfer hält fest, Hitzeschutz dürfe nicht vom Engagement einzelner Einrichtungen oder vom Wohnort abhängen.

Dass die Belastung im Bestand auch dort ankommt, wo niemand pflegebedürftig ist, zeigt eine europäische Erhebung von Velux unter 9.000 Menschen in sechs Ländern. Rund ein Viertel klagt im Sommer über Überhitzung, die sich vor allem auf den Schlaf auswirkt, 52 Prozent halten ganztägig die Vorhänge geschlossen. Bemerkenswert ist der Befund zur Sanierung: Europaweit renovieren 43 Prozent vor allem aus ästhetischen Gründen, nur 15 Prozent priorisieren die Wärmeregulierung. Österreich fällt günstiger aus, mehr als ein Drittel saniert gezielt für die Energieeffizienz.

Diese Zahlen beschreiben allerdings eine Notlösung. Wer den ganzen Tag die Vorhänge zuzieht, ersetzt fehlenden Sonnenschutz durch Verzicht auf Tageslicht. Wer bei einer Sanierung nach der Optik entscheidet, verschenkt das Fenster als wirksamste Stelle für Hitzeschutz.

Normen von gestern

Damit rückt die Frage in den Vordergrund, mit welchen Annahmen in Österreich überhaupt geplant wird. Alexander Sieh, Bauphysiker und Forschender am Department Bauen und Gestalten der Hochschule Campus Wien, benennt die Lücke präzise: Die geltenden Bauvorschriften stützen sich auf Temperaturdaten aus den Jahren 1981 bis 2000 und gehen für Wien von einer Höchsttemperatur von 31,5 Grad aus. Erreicht wurden heuer knapp 40 Grad, und zwar früher, als es die Klimamodelle vorhergesagt hatten.

Zur zweiten Zahl, die Sieh nennt, gibt es keine Norm, die sie einlöst. Die Grenze, bei der sich noch 90 Prozent der Menschen wohlfühlen, liegt bei 26 Grad, die Regelwerke behandeln 30 Grad als hinnehmbar. Sieh leitet daraus eine Konsequenz für den Neubau ab: Gebäude, die heute genehmigt werden, müssen über 100 Jahre funktionieren, aktive Kühlsysteme gehören daher von Anfang an mitgeplant und nicht als Notmaßnahme nachgerüstet. Für Krankenhäuser, Pflegeheime und Kindergärten fordert er eine Klimatisierungspflicht.

Der Ruf nach szenariobasierten Standards

In der Normung ist die Diskussion zumindest angekommen. Beim Baustammtisch von Austrian Standards unter dem Titel „Klimaresilienz bauen zwischen Strategie und Praxis" forderte etwa Werner Linhart, Vorsitzender des Austrian-Standards-Komitees 214 für Abdichtungsbahnen und Bauwerksabdichtungen, einen Paradigmenwechsel: Statt vergangenheitsbezogener Daten brauche es szenariobasierte Standards für künftige Extremwetterereignisse. Entwässerung, Gebäudenetze und Gebäudehüllen müssten robuster geplant werden.

Stefan Wagmeister, Community Manager Bau und Immobilien bei Austrian Standards, benennt das strukturelle Problem: Standardisierung habe immer auf Lösungen für die nächsten 30 bis 50 Jahre gezielt, unter schnelleren Klimaveränderungen müsse dieser Anspruch neu gedacht werden. Michael Haugeneder, Geschäftsführer von ATP sustain, übersetzt das in die Planungspraxis: Risiko entstehe aus Schadensausmaß und Eintrittswahrscheinlichkeit, und diese Wahrscheinlichkeit steige bei vielen Extremereignissen deutlich. Planung müsse Risiken früh analysieren, bewerten und mit Kosten hinterlegen. Robert Grüneis, Vorstand der Wien 3420 AG, dreht das Kostenargument um: Entscheidend sei nicht, was Klimaresilienz kostet, sondern was es kostet, sie nicht mitzuplanen.

Was die neue Begrünungsnorm verbindlich macht

Ein Regelwerk ist inzwischen da. Mit der Önorm B 1131 – Begrünung von Dächern und Decken auf Bauwerken, Mitte April 2026 von Austrian Standards International herausgegeben, wurde Bauwerksbegrünung erstmals verbindlich im Bauwesen verankert. Als einziges EU-Land mit eigenen Normen für Dach-, Fassaden- und Innenraumbegrünung schafft Österreich eine durchgängige Grundlage. Der Unterschied zur Vorgängerregelung ist erheblich: Während die frühere Önorm L 1131 aus dem Landschaftsbau gedacht war, rückt die neue Norm die Schnittstellen ins Zentrum, wo die meisten Probleme entstehen.

Martin Haas, Vorstandsvorsitzender des Verbands für Bauwerksbegrünung, sieht darin die Basis für weiterentwickelte Zertifizierungen von Produkten und Betrieben. Für die Hitzefrage zählt vor allem, dass begrünte Dächer nicht länger als optionaler Zusatz gelten. Austrian Standards beschreibt Bauwerksbegrünungen ausdrücklich als Bestandteil des Regenwassermanagements, womit Retention, Verdunstung und Überflutungsvorsorge in dasselbe Konzept rücken wie die sommerliche Kühlung.

Der Hebel liegt im Wohnrecht

Parallel bewegt sich die Politik an einer Stelle mit unmittelbaren Folgen für Bestandshalter. Zum Thema „Heiße Sommer brauchen kühle Wohnungen - Hitzeschutz für gutes Wohnen" fand Mitte Juli eine Aktuelle Stunde im Bundesrat statt. Mieterinnen und Mieter sowie Wohnungseigentümerinnen und -eigentümer sollen daher sinnvolle Hitzeschutzmaßnahmen leichter umsetzen können, hielt Babler dazu fest. Dabei gehe es um Klimaanlagen, aber auch um Außenjalousien, Rollläden oder Sonnenschutzbeschichtungen. Einen pragmatischen Weg habe Wien gezeigt und den Einbau von Klimageräten in Gemeindewohnungen erleichtert. Auf Bundesebene arbeite sein Ressort gemeinsam mit dem Justizministerium auf Hochtouren an einer zeitgemäßen und schnell umsetzbaren Verbesserung. Darüber hinaus müsse auch der Außenbereich viel mehr mitgedacht werden, unter anderem durch Begrünungen oder Gebäudedämmung. Klimaanlagen seien kein Allheilmittel, so Babler, der auch auf die langfristigen Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Erderhitzung wie etwa mit dem Ausbau der erneuerbaren Energie hinwies. Den direkten Schutz vor Hitzeauswirkungen brauche es aber jetzt.

Die FPÖ kritisierte die Kostenfrage. Es gelte hier, die Verhältnismäßigkeit im Blick zu behalten. Eine Vereinfachung zum Einbau von Klimaanlagen wäre zwar grundsätzlich sinnvoll, viele Menschen würden aber an der Hürde der Kosten für Anschaffung und Stromkosten scheitern. Für die Grünen seien insgesamt weniger Beton, weniger Verkehr und mehr Grün neben mehr Wasser in Städten und Gemeinden der effektivste Hitzeschutz. Renaturierung, Entsiegelung, Nullbodenverbrauch und Naturschutz seien die besten und nachhaltigsten Maßnahmen gegen den Klimawandel und die zunehmende Hitze. Einsetzen müsse man sich außerdem weiterhin für einen Ausbau und nicht für den Rückbau der Sanierungsoffensive. Auch das Mietrecht müsste an die klimatischen Bedingungen angepasst werden.

Kritik an den geplanten Erleichterungen kommt auch von der Immobilienwirtschaft. Der Österreichische Verband der Immobilienwirtschaft (ÖVI) sieht darin einen wohnrechtlichen Widerspruch, solange thermische Sanierungen und der Umstieg auf fossilfreie Heizsysteme weiterhin rechtlich blockiert werden können. Es wäre ein Anachronismus, wenn Vermieter den Einbau individueller Klimaanlagen künftig dulden müssten, während einzelne Mieter den Austausch einer fossilen Heizungsanlage oder andere Dekarbonisierungsmaßnahmen weiterhin verhindern könnten, so ÖVI-Geschäftsführer Anton Holzapfel. Der Verband fordert Erleichterungen für Klimaanlagen nur als Teil einer umfassenden Wohnrechtsreform, die Klimaschutz und Klimaanpassung gleichermaßen ermöglicht.

Ähnlich argumentiert der Fachverband der Immobilien- und Vermögenstreuhänder in der Wirtschaftskammer Österreich. Besseren Hitzeschutz in Wohngebäuden befürwortet er ausdrücklich, kritisiert aber das Verfahren. Seit dem Frühjahr arbeiten Vertreter der zuständigen Ressorts, der Sozialpartner und Fachleute an einer umfassenden Sanierungsstrategie, die thermisch-energetische Sanierung, Dekarbonisierung, Energieversorgung, Finanzierung und den wohnrechtlichen Rahmen zusammenführt. Der Umlauf-Ministerratsbeschluss löse den Hitzeschutz aus diesem Prozess heraus, umgehe die Expertise der Arbeitsgruppe und schaffe Parallelstrukturen, so Fachverbandsobmann Roman Oberndorfer. Inhaltlich fällt der Einwand ähnlich aus wie beim ÖVI: Kühlung hänge mit Dämmung, Lüftung, Heizungsumstellung, Gebäudetechnik sowie Finanzierung und Kostenverteilung zusammen. „Hitzeschutz auf die erleichterte Montage einzelner Geräte zu reduzieren, greift zu kurz", sagt Oberndorfer. In die Arbeitsgruppe eingebracht hat der Fachverband bereits Regelungen für Klimageräte ohne außenliegende Aggregate und Bestimmungen zu Zustimmung, Wartung, Rückbau und Kosten.

In der technischen Reihenfolge steht passiver Hitzeschutz vor jeder Kühlung, und zwar aus Kostengründen. Außenliegender Sonnenschutz senkt die Innenraumtemperatur um bis zu zehn Grad, die Systemkosten liegen bei durchschnittlich einem bis drei Prozent der Baukosten. Sommerlicher Wärmeschutz wird beim Bauen und Sanieren vielfach noch als Komfortmerkmal behandelt. Während Wärmedämmung, Heizsysteme und Energieeffizienz längst verbindliche Bestandteile der Bauplanung sind, fehlen vergleichbare Standards für den Schutz vor sommerlicher Überhitzung. Andreas Kraler, geschäftsführender Gesellschafter des Sonnenschutzherstellers Hella, fordert daher, Hitzeschutz konsequent in Bauvorschriften, Förderprogramme und Sanierungsstrategien zu integrieren. Das betrifft nicht nur den Wohnbau, sondern ebenso Bürogebäude, Produktionsstätten, Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und andere öffentliche Gebäude. Innenräume müssen auch während Hitzewellen nutzbar bleiben – und es braucht ein Umdenken in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft: „Wer heute baut oder saniert, muss nicht nur den Winter, sondern auch die Sommer von morgen mitdenken."

Außenliegender Sonnenschutz am Vormarsch

Förderseitig hat sich zu Jahresbeginn etwas bewegt. Im Rahmen der Sanierungsoffensive 2026 sind Sonnenschutzsysteme in Kombination mit einem Fenstertausch förderfähig, auch wenn sie in den Richtlinien nicht ausdrücklich gelistet sind. Außenliegende Systeme halten bis zu 90 Prozent der Solarstrahlung vor der Verglasung ab und wirken zugleich auf den winterlichen Wärmeschutz. Allerdings wurde der Sanierungsbonus im Rahmen der „Sanierungsoffensive Neu" wie bereits berichtet mit 2. Februar beendet, weil die Mittel dafür bereits erschöpft waren.

Im Markt verschiebt sich die Antriebsfrage. Der Markt für außenliegenden Sonnenschutz hat in Österreich bereits im Vorjahr wieder angezogen. Für Deutschland belegen Daten der Somfy Marktforschung, dass sich solarbetriebener Außensonnenschutz dynamischer entwickelt als der Gesamtmarkt, bei Vorbaurollläden liegt der Solaranteil dort über 20 Prozent. Der Grund ist für Fachbetriebe nachvollziehbar: Aufwendige Verkabelungen entfallen, Eingriffe in die Bausubstanz werden minimiert. Bei knappen Fachkräften wird das zum wirtschaftlichen Argument. Die Akzeptanz ist höher als erwartet: Von 575 befragten Wohneigentümern mit Fenstertausch-Vorhaben gaben 71 Prozent an, solarbetriebener Außensonnenschutz käme in Frage, für 66 Prozent wäre er die bevorzugte Lösung, noch vor elektrischen Systemen.

Bauen für über 40 Grad: wenn passiv nicht mehr reicht

Neben der Verschattung wirkt die Speichermasse. Massive Ziegel mit integrierter mineralischer Dämmung nehmen Wärme auf und geben sie verzögert ab, was die Innentemperatur auch bei rund 30 Grad außen unter kritischen Werten hält. Der Effekt greift allerdings nur, solange die nächtliche Auskühlung funktioniert. Damit schließt sich der Kreis zur Kühlgradtag-Auswertung: Wo Tropennächte zunehmen, verliert die Speichermasse einen Teil ihrer Wirkung.

Wie groß der aktive Anteil künftig wird, hat eine österreichische Studie beziffert. „Urbaner Kältebedarf in Österreich 2030/2050", erschienen 2025 in den Berichten aus Energie- und Umweltforschung, entstand beim Institute of Building Research & Innovation gemeinsam mit zwei BOKU-Instituten und Vasko + Partner. Ausgehend vom Basisjahr 2021 mit 2,5 Terawattstunden steigt der Kältebedarf bis 2050 auf bis zu 6,3 Terawattstunden, ein Plus von rund 152 Prozent. Die erforderliche Kühlleistung wächst von etwa 12,6 auf bis zu 18,6 Gigawatt.

Zwei Details sind für die Projektentwicklung relevant. Der Bedarf verteilt sich ungleich: Wohngebäude verursachen rund zwei Drittel des absoluten Kältebedarfs, Bürogebäude ein Drittel, verbrauchen pro Quadratmeter aber etwa das Dreifache. Und die Last konzentriert sich, Juli und August stehen jeweils für 34 bis 35 Prozent des Jahresbedarfs.

Technisch führt der Weg von der Fassade in das Bauteil. Bei der Bauteilaktivierung zirkuliert kühles Wasser in Rohren in Decken, Wänden oder Böden, vergleichbar einer Fußbodenheizung mit umgekehrtem Vorzeichen. Der Vorteil gegenüber nachgerüsteten Splitgeräten: keine Installation an der Fassade, Kühlung über große Flächen mit geringer Temperaturdifferenz. Sieh nennt sie ausdrücklich als Lösung, die in die Struktur integriert gehört.

Auf Infrastrukturebene baut Wien die Fernkälte aus. Das Netz umfasst 33 Kilometer und 220 Anschlüsse, überwiegend Großabnehmer wie AKH, Rathaus und Universität Wien, versorgt aus acht zentralen und 17 dezentralen Kälteanlagen. Die Größenordnung wird im Vergleich deutlich: Die Fernwärme kommt auf 1.370 Kilometer und rund 480.000 Haushalte. Während Hitzewellen liegt die Nachfrage um 60 Prozent höher, geplant sind rund 100 Millionen Euro an Investitionen. Erstmals im Einsatz ist ein zehn Meter langer Eisspeicher, der Last verschiebt. Gegenüber konventionellen Klimaanlagen spart das System nach Angaben von Wien Energie rund 50 Prozent an CO2-Emissionen.

Parallel wird das Klimagerät zum Ausstattungsstandard. In einer von Daikin Austria bei marketagent beauftragten Befragung von 510 Immobilieneigentümern besitzt ein Fünftel bereits ein Gerät, rund jeder Sechste plant eine Anschaffung innerhalb von fünf Jahren, 43 Prozent stehen Klimageräten positiv gegenüber. Für Bauträger ist das weniger Produktinformation als Planungssignal: Was nicht baulich gelöst wird, landet als Splitgerät an der Fassade.

Verdunstungskühlung aus dem 3D-Drucker

Zwischen passiver Hülle und aktiver Kältemaschine entstehen Lösungen, die sich keiner Kategorie zuordnen lassen. Am Institut für Architektur und Medien der TU Graz werden Würfel mit rund 23 Zentimetern Seitenlänge aus hochporöser Keramik gedruckt. Das Prinzip ist Jahrhunderte alt: Verdunstungskühlung, wie bei Tonkrügen und in traditionellen Windtürmen. Neu ist die Fertigung. Die Objekte werden digital entworfen, aus einer Tonmischung gedruckt und bei niedrigen Temperaturen gebrannt, um die Porosität zu erhalten. Eine Minimalflächen-Geometrie erzeugt bei geringem Materialeinsatz eine sehr große Oberfläche, Kapillarkräfte verteilen das Wasser im Bauteil.

Milena Stavric von der TU Graz verortet den Fortschritt im 3D-Druck, mit dem hochkomplexe, poröse und funktionsoptimierte Geometrien aus Tongemischen herstellbar werden. Im Shape Lab wird die Kühlleistung bio-inspiriert gesteigert: Dem Ton werden Pilzkulturen und Holzspäne beigemengt, beim Brand verbrennen sie und hinterlassen ein Netz aus Mikro- und Makroporen. Ein weiterer Versuch nutzt Schlamm aus dem Neusiedler See, der zur Bremsung der Verlandung ohnehin abgebaggert und bisher entsorgt wird.

In einem kontrollierten Versuchsaufbau in einem heißen Dachgeschoß der TU Graz wurde in unmittelbarer Umgebung des wasserbefüllten Würfels eine Temperaturabsenkung von knapp sieben Grad gemessen. Die Wirkung im Raum beschreibt Kristijan Ristoski, der die Würfel in seiner Masterarbeit mit einem steuerbaren Wasserkreislauf zu einer Kühlwand kombiniert hat, als deutlich spürbar. Eine freistehende Demonstrationswand von zwei mal zwei Metern steht am Campus Neue Technik in der Stremayrgasse. Als Anwendungsfelder nennt das Team Wohn- und Bürogebäude ebenso wie Schulen, öffentliche Plätze und Wartebereiche, also jene Orte, an denen Bäume im dichten Stadtraum kaum möglich sind.

Kühllast im Serverraum

Eine Kühllast wächst unabhängig von der Außentemperatur mit. Rechenzentren und dezentrale Serverräume geraten von zwei Seiten unter Druck: von außen durch die Hitze, von innen durch KI-Anwendungen und leistungsstärkere Chips. Ab etwa 50 Kilowatt pro Serverschrank reicht reine Luftkühlung meist nicht mehr aus, wasserbasierte Systeme übernehmen, wobei in Regionen mit knapperem Wasser geschlossene Kreisläufe nötig werden. Besonders exponiert sind nach Einschätzung von Mathias Franke, Leiter Data Center Consulting bei Drees & Sommer, nicht die großen professionell betriebenen Anlagen mit redundanter Kühlung, sondern die vielen dezentralen Serverräume in umgewidmeten Keller- und Technikräumen ohne ausgelegte Klimatechnik. Zur Größenordnung, wenn auch für den deutschen Markt: Dort lag die installierte Kapazität 2024 bei über 2.730 Megawatt, bis 2030 werden mehr als 4.800 erwartet.