Bauwirtschaft bewegt ein Fünftel der österreichischen Wirtschaft
Die Bauwirtschaft ist deutlich größer, als die amtliche Statistik ausweist. Direkt erwirtschaftete die Branche 2023 eine Wertschöpfung von 52,1 Milliarden Euro. Kombiniert mit Zuliefer-, Verflechtungs- und Konsumeffekten steigt die Gesamtwirkung auf 84,8 Milliarden Euro. Damit hängt jeder fünfte Euro unmittelbar oder mittelbar am Bau. Die Umsätze lagen 2023 bei 154,3 Milliarden Euro und damit doppelt so hoch wie bislang offiziell erfasst. Präsentiert wurde die Studie am 22. September in Wien. Auftraggeber ist die Initiative Pro Bauen & Sanieren der Fachgruppe Wien der Immobilien- und Vermögenstreuhänder in der WKO, des Forschungsverbands der österreichischen Baustoffindustrie (FBI) und des Verbands der Baustoffhändler Österreichs (VBÖ).
Satellitenkonto erfasst 30 Sektoren
Erstmals bildet eine Studie in Österreich die Branche mit der von Eurostat empfohlenen Methode des Satellitenkontos ab. Erfasst werden nicht nur Hochbau, Tiefbau und Baunebengewerbe, sondern das gesamte Wertschöpfungsnetzwerk aus 30 Sektoren, von Baustoffen und Maschinen über Architektur und Handel bis zur Ausbildung und zur öffentlichen Hand. Analysiert wurden Daten aus dem Jahr 2023.
„Die Bauwirtschaft generiert beeindruckende 12 Prozent der Wertschöpfung in Österreich, unter Einbeziehung mittelbarer Effekte sind es sogar rund 20 Prozent. Als Wirtschaftsmotor und in der amtlichen Statistik wird die Branche demnach systematisch unterschätzt“, sagt Studienautorin Anna Kleissner vom iföw.
Bauwirtschaft als Jobmotor
Rund 624.000 Beschäftigte, knapp jede bzw. jeder siebte Erwerbstätige in Österreich, arbeiteten 2023 unmittelbar in der Branche. Mit der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette sind knapp 1,1 Millionen Arbeitsplätze mit dem Bau verbunden. Zudem generiert der Sektor rund 27 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben. Getragen wird die Branche vor allem von kleinen und mittleren Betrieben, die in den Regionen Arbeitsplätze sichern.
„Kleine und mittelständische Betriebe bilden das Rückgrat der Bauwirtschaft: Rund 25 Prozent der Beschäftigten arbeiten in Unternehmen mit weniger als 10 Personen. Die Betriebe sind regional verankert und schaffen Arbeitsplätze abseits der Ballungszentren“, erklärt Andreas Fetter, Vizepräsident des VBÖ. Allein das Baunebengewerbe erwirtschafte 14,8 Milliarden Euro direkte Bruttowertschöpfung.
Was der Stillstand kostet
Von 2022 bis 2025 schrumpfte der Bau vier Jahre in Folge, 2024 mit minus 5,9 Prozent besonders deutlich. Das WIFO korrigierte seine Erwartung für 2026 im Juni von plus 0,1 auf minus 0,2 Prozent. Ein Szenario der Studie rechnet durch, was geschehen wäre, hätte sich der Bau von 2022 bis 2027 im Gleichschritt mit der Gesamtwirtschaft entwickelt: 25,3 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung im Bau und 60,3 Milliarden Euro in ganz Österreich (Preisbasis 2023). Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherungsträger hätten um 28,9 Milliarden Euro mehr eingenommen. Knapp 54.000 Arbeitsplätze im Bau und rund 130.000 österreichweit wären gesichert oder geschaffen worden.
Sanierung als Hebel
Ein weiteres Szenario betrachtet eine Verdopplung der Sanierungsrate von 1,5 auf 3 Prozent zwischen 2026 und 2040. Daraus könnten eine Bruttowertschöpfung von rund 124 Milliarden Euro sowie rund 130.500 gesicherte oder neue Arbeitsplätze resultieren.
„Die Gebäudesanierung generiert jährlich eine Bruttowertschöpfung von insgesamt 5,5 Milliarden Euro. Der Sanierungsbedarf hierzulande ist weiterhin sehr groß, aber fehlende Planbarkeit und bürokratische Hürden bremsen die Mobilisierung von privatem Kapital für Investitionen. Was wir unbedingt benötigen, ist ein Regulierungs- und Fördersystem, das planbar, finanzierbar, sozial umsetzbar und rechtlich praktikabel ist“, sagt Georg Bursik, Vorstandsvorsitzender des FBI.
Wohnbau unter Druck
Das dritte Szenario widmet sich der Wohnbaulücke. Eine Rückkehr auf das Fertigstellungsniveau der Jahre 2021/22 würde Zusatzinvestitionen von 7,8 Milliarden Euro jährlich erfordern und könnte eine zusätzliche Bruttowertschöpfung von 4,6 Milliarden Euro bringen.
„Von 12.600 für 2026 geplanten Wohneinheiten werden in Wien laut Prognose nur 9.600 fertiggestellt – nach meiner Einschätzung sogar höchstens 8.000. Damit fehlt mindestens jede vierte geplante Wohnung auf einem ohnehin angespannten Markt, im ungünstigen Fall sogar mehr als jede dritte. Nur verlässliche gesetzliche Rahmenbedingungen (Mietrecht), ausreichende Finanzierungen mit erfüllbaren Konditionen und Planungssicherheit können das bestehende Ungleichgewicht beheben“, sagt Michael Pisecky, Fachgruppenobmann der Immobilien- und Vermögenstreuhänder der Wirtschaftskammer Wien.