Löhne und Produktivität in Österreich: Warum dieselbe Grafik zwei Geschichten erzählt
Löhne und Produktivität in Österreich klaffen auseinander – so lautet die Botschaft einer Grafik, die die Denkfabrik Agenda Austria am 24. August 2026 veröffentlicht hat. Seit 2015 seien die Bruttolöhne je geleisteter Arbeitsstunde um knapp 50 Prozent gestiegen, die Produktivität nur um 5,8 Prozent. Die Zahlen selbst bestreitet kaum jemand. Sehr wohl bestritten wird, was sie bedeuten. Für Arbeitgeber ist die Frage keine akademische: Sie entscheidet mit darüber, wie über Personalkosten geredet wird.
Was die Agenda Austria sagt
Die Grafik setzt beide Größen 2015 auf den Indexwert 100 und schreibt sie „rollierend über vier Quartale" fort. Die Bruttolöhne erreichen zuletzt „knapp 150", die Produktivität 105,77. Als Quelle nennt die Denkfabrik „Agenda Austria, Statistik Austria", ohne die verwendete Zeitreihe zu benennen.

Hanno Lorenz, seit 2020 stellvertretender Direktor der Agenda Austria, formuliert die Konsequenz so: „Löhne können nicht dauerhaft schneller steigen als die Produktivität, tun sie es doch, verlieren wir immer mehr an Wettbewerbsfähigkeit. Die beste Sozialpolitik ist eine gute Standortpolitik."
Der Rechenweg: nominell trifft real
Der erste Einwand betrifft nicht die Interpretation, sondern die Konstruktion. Die Bruttolöhne sind Nominalwerte und enthalten die Inflation. Die Produktivitätskennzahl ist eine reale Größe ohne Inflation. Rechnerisch ist das zwingend: Eine nominelle Produktivität wäre im selben Zeitraum ebenfalls um 40 bis 50 Prozent gestiegen.
Der Verbraucherpreisindex der Statistik Austria lag auf Basis 2015 = 100 im Jahresschnitt 2025 bei 138,75. Mit der Teuerung des laufenden Jahres ergibt sich für 2026 ein Wert zwischen 141 und 143. Inflationsbereinigt bleibt vom Lohnplus damit ein realer Zuwachs von 4,5 bis 6,0 Prozent (Berechnung der Redaktion). Das Produktivitätsplus von 5,8 Prozent liegt innerhalb dieser Spanne. Der optische Abstand der Grafik verschwindet weitgehend, sobald beide Kurven auf derselben Grundlage stehen.
Welche Kurve knapp vorn liegt, lässt sich nicht sagen, weil die Agenda Austria den Endpunkt ihres Vier-Quartals-Zeitraums nicht offenlegt. Hinzu kommt ein Unterschied in der Bezugsgröße: Die Benya-Formel, an der sich die Kollektivverträge orientieren, misst laut A&W-Blog der Arbeiterkammer die Produktivität je Beschäftigten – die Grafik rechnet je Arbeitsstunde.
Warum die Produktivität eingebrochen ist
Den stärksten Einwand liefert keine Interessenvertretung, sondern der Produktivitätsrat, dessen Bericht dem Nationalrat vorgelegt wird. Im Produktivitätsbericht 2025 heißt es: „Der Rückgang der Arbeitsproduktivität in den Jahren 2023 und 2024 kann auf die Rezession und Arbeitskräftehortung der Unternehmen bis 2024 zurückgeführt werden."
Der Mechanismus ist statistischer Natur: Betriebe hielten ihr Personal, obwohl die Produktion einbrach. Bleibt die Beschäftigung stabil, während die Wertschöpfung sinkt, fällt die Produktivität je Stunde – ohne dass jemand schlechter arbeitet. In diesen beiden Jahren sank sie laut Bericht um rund 1,1 Prozent jährlich; im Schnitt der Jahre 2012 bis 2024 lag das Wachstum bei 0,7 Prozent.
Löhne folgen den Preisen
Österreichische Kollektivverträge orientieren sich an der Verbraucherpreisentwicklung des zurückliegenden Jahres plus dem mittelfristigen Produktivitätsfortschritt. Die hohen Abschlüsse der Jahre 2022 bis 2024 waren nach dieser Logik eine Reaktion auf die Teuerung, nicht deren Auslöser.
Reallohnverluste statt Lohnexzesse
Die Daten der Statistik Austria zum Tariflohnindex stützen die Lesart einer verzögerten Aufholbewegung. 2023 lag der Index um 0,9 Prozentpunkte unter der Inflation – ein Reallohnverlust. 2024 und 2025 folgten Zuwächse von 0,7 beziehungsweise 1,0 Prozentpunkten. Statistik Austria vergleicht den Abschluss eines Jahres dabei mit der Inflation des Vorjahres: Der Abschluss 2025 von nominell 3,9 Prozent liegt über der Inflation 2024 von 2,9 Prozent, während die Teuerung 2025 selbst 3,6 Prozent betrug.
Wettbewerbsfähigkeit: ein zweiseitiger Befund
Die Oesterreichische Nationalbank bestätigt in ihrem Report vom 23. Juni 2026 eine Belastung: Der „im Vergleich mit den anderen Ländern der EU bzw. des Euroraums stärkere Preisanstieg in Österreich" habe „die preisliche Wettbewerbsfähigkeit belastet".
Negativ fällt die Bilanz dennoch nicht aus: 2025 erzielte Österreich einen Leistungsbilanzüberschuss von 9,5 bis 9,6 Milliarden Euro oder 1,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, die Güterbilanz blieb mit 5,1 Milliarden Euro positiv. Wörtlich: „Trotz des international schwierigen Umfelds kam es jedoch insgesamt zu keinem Rückgang der Exporterlöse."
Grundsätzlicher argumentiert Matthias Schnetzer, Leiter der Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik der AK Wien, Ende 2025 im A&W-Blog: „Der Fokus auf preisliche Wettbewerbsfähigkeit durch Druck auf Löhne, Arbeits- und Umweltstandards gefährdet den Wohlstand mehr, als er ihn steigert."
Was für die Position der Agenda Austria spricht
Der wichtigste Beleg stammt wiederum vom Produktivitätsrat: „Die Lohnstückkosten haben sich gegenüber den Haupthandelspartnern vor allem infolge sinkender Produktivität verschlechtert." Ebendort heißt es, Österreich habe „OECD-weit den stärksten Anstieg der Kollektivvertragslöhne" verzeichnet, und der Weltmarktanteil österreichischer Warenexporte sei 2024 stark zurückgegangen.
Auch die Kostenposition ist dokumentiert. Laut IMK Report Nr. 202 vom August 2026, der auf Eurostat-Daten beruht, lagen die Arbeitskosten in Österreich 2025 bei 46,30 Euro je Stunde – Rang fünf in der EU. Die Lohnstückkosten stiegen zwischen 2020 und 2025 um durchschnittlich 4,6 Prozent jährlich. Die Zahlen stammen aus einem gewerkschaftsnahen Institut.
Strittig ist also nicht, dass sich die Lohnstückkosten verschlechtert haben. Strittig ist, ob die Löhne oder die eingebrochene Produktivität den Ausschlag gaben.
Der blinde Fleck: der öffentliche Sektor
Ein Aspekt kommt in der Standortdebatte selten vor. In Pflege, Elementarpädagogik und Verwaltung lässt sich Produktivität kaum steigern, ohne die Qualität zu senken. Eine Pädagogin kann nicht doppelt so viele Kinder betreuen. Wächst dieser Sektor, drückt er die gesamtwirtschaftliche Produktivitätsstatistik – obwohl der Ausbau politisch gewollt ist.
Kritischer Blick auf Darstellung der Fakten
Die Grafik zeigt einen realen Befund und legt zugleich eine Erklärung nahe, die andere Institutionen nicht teilen. Wer nominelle Löhne mit realer Produktivität vergleicht, erzeugt einen Abstand, der sich bei Inflationsbereinigung weitgehend auflöst. Wer nach den Ursachen der schwachen Produktivität fragt, landet laut Produktivitätsrat zuerst bei Rezession und Arbeitskräftehortung. Bei Debatten über Personalkosten lohnt der Blick auf die Berechnungsgrundlage.
Benya-Formel
Benannt nach dem früheren ÖGB-Präsidenten Anton Benya, dient sie seit Jahrzehnten als Orientierung für Kollektivvertragsverhandlungen. Sie addiert die Verbraucherpreisentwicklung des zurückliegenden Jahres und den mittelfristigen Anstieg der realen Arbeitsproduktivität je Beschäftigten. Ziel ist, Beschäftigte am Produktivitätsfortschritt zu beteiligen, ohne die Kostenposition der Unternehmen zu verschlechtern.