Produktivität in der Bauwirtschaft: Metastudie deckt grundlegende Begriffslücke auf
Die Metastudie „Grundlagen zur Produktivitätsanalyse in der Bauwirtschaft" wurde von Univ.-Prof. Matthias Flora und Ass.-Prof. Georg Fröch am Arbeitsbereich für Baumanagement, Baubetrieb und Tunnelbau (iBT) der Universität Innsbruck erstellt – im Auftrag der ZAB Zukunftsagentur Bau GmbH. Grundlage ist eine systematische Auswertung aktueller wissenschaftlicher Veröffentlichungen und institutioneller Studien, ergänzt durch einen kontinuierlichen Praxisaustausch mit der ZAB. Die Publikation erschien im Juni 2026.
Produktivität in der Bauwirtschaft: Österreich ist Schlusslicht in Europa
Die Befunde der Metastudie zeichnen für den DACH-Raum ein eindeutiges Bild: Deutschland und Österreich gehören im europäischen Produktivitätsvergleich zu den schwächsten Ländern. Österreichs Bauwirtschaft verzeichnete zwischen 2005 und 2023 einen durchschnittlichen Rückgang der Arbeitsproduktivität von 3,1 Prozent pro Jahr – die schwächste Entwicklung aller untersuchten Volkswirtschaften. Der Indexwert sank auf 71 (Basisjahr 2005 = 100), also rund 29 Prozent unter den Ausgangswert. Zum Vergleich: Die Schweiz weist einen Index von 111 auf – ein Plus von 11 Prozent gegenüber 2005. Die Autoren betonen jedoch, dass diese Zahlen differenziert zu lesen sind: Das Festhalten an Personal in konjunkturellen Schwächephasen erzeugt rechnerische Produktivitätsrückgänge, die keine tatsächliche Leistungsminderung widerspiegeln.
Konjunkturell befindet sich Österreichs Bauwirtschaft seit 2022 in einer ausgeprägten Rezessionsphase. Baukostensteigerungen von über 10 Prozent in den Vorjahren, stark steigende Finanzierungskosten und ein deutlicher Rückgang der Wohnungsfertigstellungen haben die Branche unter erheblichen Druck gesetzt. Allein in Österreich erwirtschaften über 40.000 Unternehmen mit rund 310.000 Beschäftigten einen jährlichen Umsatz von etwa 63 Milliarden Euro – die wirtschaftliche Tragweite einer stagnierenden Produktivität ist damit erheblich.
Das Kernproblem: Produktivität in der Bauwirtschaft wird zu uneinheitlich definiert
Das zentrale Ergebnis der Metastudie ist weniger ein neuer empirischer Befund als eine grundlegende Einordnung: Die Diskussion über Produktivität in der Bauwirtschaft leidet nicht an fehlenden Daten, sondern an einem uneinheitlichen Begriffsverständnis. Studien aus Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft, Bauingenieurwesen und Planungsforschung verwenden den Begriff Produktivität teils grundlegend verschieden. Die klassische Definition als Verhältnis von Output zu Input findet in der bauspezifischen Forschung kaum konsequente Anwendung – dominierend sind stattdessen volkswirtschaftliche Kennzahlen wie Bruttowertschöpfung oder Arbeitsproduktivität, deren konkrete Ausgestaltung erheblich variiert.
Besonders kritisch sehen die Autoren die Verwendung monetärer Outputgrößen: Baukostensteigerungen beeinflussen nominale Leistungskennzahlen erheblich, ohne eine Veränderung der tatsächlichen Arbeitsleistung abzubilden. Produktivität misst Leistung, nicht Wertigkeit – wird dieser Unterschied nicht beachtet, spiegeln Kennzahlen vor allem Marktentwicklungen wider, nicht reale Effizienz.
Neue Systematik: Direkte und indirekte Produktivität in der Bauwirtschaft
Als konzeptionellen Beitrag schlägt die Metastudie eine neue Differenzierung vor: die Unterscheidung zwischen direkter und indirekter Produktivität. Direkte Produktivität umfasst alle Prozesse, die unmittelbar zum Fortschritt der Bau- oder Planungsleistung beitragen – etwa Erdarbeiten, Betonage, Montage oder die konstruktive Planung. Sie ist klassisch messbar im Verhältnis von Input zu Output (z. B. m³ Beton, m Tunnelvortrieb, Anzahl Planunterlagen). Indirekte Produktivität umfasst unterstützende Tätigkeiten wie Arbeitsvorbereitung, Dokumentation, Qualitätssicherung, Koordination und administrative Prozesse – unverzichtbar für den Projekterfolg, aber ohne direkten messbaren Leistungsfortschritt.
Diese Trennung soll künftig ermöglichen, Produktivitätsdefizite gezielter zu lokalisieren: Ein hoher Anteil indirekter Tätigkeiten kann sowohl auf notwendige organisatorische Anforderungen als auch auf Ineffizienzen durch Bürokratie oder mangelhafte Planung hinweisen. Die Autoren verstehen diesen Ansatz ausdrücklich als Ausgangspunkt für weiterführende Forschung, nicht als abschließende Systematik.
Empfehlungen: Einheitliche Standards als Voraussetzung für Verbesserung
Die Metastudie leitet aus ihren Befunden klare Empfehlungen ab: An erster Stelle steht die Etablierung einheitlicher Definitionen und transparenter Methoden als Voraussetzung für vergleichbare Datenerhebungen. Ergänzend plädieren die Autoren für eine standardisierte Erfassung produktivitätsrelevanter Daten auf Prozess- und Baustellenebene. Digitale Werkzeuge, automatisierte Datenerfassung und BIM-basierte Prozesse bieten dafür erhebliche Potenziale. Als Mindeststandard sollte jede Erhebung transparent dokumentieren, welche Definitionen und Bezugsgrößen verwendet werden. Langfristiges Ziel: Produktivität in der Bauwirtschaft nicht nur abstrakt diskutieren, sondern systematisch messbar, vergleichbar und steuerbar machen.
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