Zertifikate: Nachhaltigkeitsnachweise im Realitäts-Check
Nachhaltigkeits-Zertifikate haben sich in der Bau- und Immobilienwirtschaft zu einem zentralen Instrument entwickelt. Gebäude werden nach internationalen Standards bewertet, Baustoffe mit Umweltdeklarationen versehen und Projekte entlang von ESG-Kriterien dokumentiert. Gleichzeitig wächst die Zahl der Systeme, Labels und Nachweise – von DGNB und klimaaktiv über EPDs bis zur EU-Taxonomie.
Für Planer, Entwickler und Hersteller wird das Navigieren durch diese Landschaft zunehmend komplex. Während die einen Zertifizierungen als unverzichtbaren Qualitätsnachweis sehen, kritisieren andere den steigenden Dokumentationsaufwand und die Vielzahl parallel existierender Standards.
Eine Umfrage unter Branchenvertretern zeigt ein ambivalentes Bild: Nachhaltigkeitszertifikate werden zwar als relevant wahrgenommen, gleichzeitig sehen viele Marktteilnehmer in ihnen auch Marketinginstrumente und administrative Belastung. Der wichtigste Treiber ist dabei weniger die Nachfrage der Nutzer als vielmehr Regulierung, Förderlogik und Anforderungen der Finanzmärkte.
Die Mehrheit der Befragten stammt aus der Baustoffindustrie. Knapp 40 Prozent der Teilnehmer sind Produkthersteller, gefolgt von Immobilienentwicklern mit rund 21 Prozent. Planungsbüros stellen etwa 15 Prozent der Antworten, Bauunternehmen rund 11 Prozent. Die öffentliche Verwaltung ist nur in geringem Umfang vertreten. Die Umfrage spiegelt damit vor allem die Perspektive von Herstellern, Entwicklern und Planern wider.
Hier die Ergebnisse im einzelnen:
Wie relevant sind Produktlabels bzw. Qualitätssiegel für Ihre Geschäftstätigkeit?
Ergebnis: Durchschnitt: 3,6 von 5
- sehr relevant: 37,7 %
- Bewertung 4/5: 17,0 %
- Bewertung 3/5: 26,4 %
- Bewertung 2/5: 9,4 %
- nicht relevant: 9,4 %
Produktlabels und Qualitätssiegel werden von der Branche insgesamt als relevant wahrgenommen. Der Durchschnittswert liegt bei 3,6 auf einer fünfstufigen Skala. Rund 38 Prozent der Befragten halten sie für sehr relevant, während etwa ein Fünftel ihnen eine eher geringe Bedeutung beimisst. Insgesamt ergibt sich ein Bild mittlerer bis hoher Relevanz.
Wie relevant sind EPD bzw. produktbezogene Nachhaltigkeitsnachweise?
Ergebnis: Durchschnitt: 3,4 von 5
- sehr relevant: 28,3 %
- Bewertung 4/5: 20,8 %
- Bewertung 3/5: 22,6 %
- Bewertung 2/5: 17,0 %
- nicht relevant: 11,3 %
Auch Environmental Product Declarations (EPDs) und andere produktbezogene Nachhaltigkeitsnachweise werden im Schnitt als relevant eingeschätzt. Der Mittelwert liegt bei 3,4 Punkten. Knapp die Hälfte der Befragten bewertet ihre Bedeutung mit vier oder fünf Punkten, während rund ein Drittel ihnen nur eine mittlere oder geringe Relevanz zuschreibt.
Wie relevant sind Gebäudestandards (z. B. klimaaktiv, ÖGNI) für Ihre Geschäftstätigkeit?
Ergebnis: Durchschnitt: 3,4 von 5
- sehr relevant: 30,2 %
- Bewertung 4/5: 17,0 %
- Bewertung 3/5: 28,3 %
- Bewertung 2/5: 15,1 %
- nicht relevant: 9,4 %
Die Bedeutung von Gebäudezertifizierungen wird ähnlich eingeschätzt wie jene von EPDs. Der Durchschnittswert liegt ebenfalls bei 3,4 Punkten. Rund 47 Prozent der Teilnehmer sehen eine hohe oder sehr hohe Relevanz, während etwa ein Viertel die Bedeutung als eher gering einschätzt.
Wie relevant ist ein EU-Taxonomie-Nachweis für Ihre Geschäftstätigkeit?
Ergebnis: Durchschnitt: 2,7 von 5
- nicht relevant: 28,3 %
- Bewertung 2/5: 20,8 %
- Bewertung 3/5: 17,0 %
- Bewertung 4/5: 11,3 %
- sehr relevant: 18,9 %
Die EU-Taxonomie wird von den Befragten derzeit deutlich zurückhaltender bewertet. Mit einem Durchschnittswert von 2,7 liegt ihre Bedeutung spürbar unter jener von Produktlabels oder Gebäudezertifikaten. Knapp die Hälfte der Teilnehmer sieht derzeit nur eine geringe oder gar keine Relevanz für die eigene Geschäftstätigkeit.
Hat sich die Zahl der Nachweise und Zertifikatsanforderungen in den letzten drei Jahren verändert?
Ergebnis:
- stark erhöht: 48,1 %
- etwas erhöht: 40,4 %
- gleich geblieben: 11,5 %
- gesunken: 0 %
Eine klare Mehrheit der Befragten sieht einen deutlichen Anstieg der Anforderungen. Fast die Hälfte berichtet von einer starken Zunahme der Zertifizierungs- und Nachweispflichten, weitere 40 Prozent von einer moderaten Steigerung. Nur rund elf Prozent nehmen keine Veränderung wahr.
Haben Sie den Eindruck, dass Zertifikate in der Praxis manchmal mehr Marketing als Wirkung sind?
Ergebnis
- ja, oft: 43,4 %
- manchmal: 49,1 %
- eher nicht: 3,8 %
- nein: 3,8 %
Die Mehrheit der Befragten sieht Zertifikate zumindest teilweise auch als Marketinginstrument. 43 Prozent sind der Meinung, dass Zertifikate häufig eher Marketing als tatsächliche Wirkung entfalten, weitere 49 Prozent sehen dies zumindest gelegentlich. Nur eine kleine Minderheit widerspricht dieser Einschätzung.
Was ist Ihrer Meinung nach das größte Problem im Zertifizierungsalltag? (Ranking)
wichtigste Probleme:
- Dokumentationsaufwand
- Zu viele Systeme
- Hohe Kosten
Weniger relevant:
- unklare Auslegung / Interpretation
- Intransparenz
Als größte Herausforderungen im Zertifizierungsalltag werden administrative Aspekte genannt. Besonders häufig werden der hohe Dokumentationsaufwand, die Vielzahl unterschiedlicher Systeme sowie die damit verbundenen Kosten genannt. Aspekte wie Intransparenz oder unklare Auslegungen spielen dagegen eine deutlich geringere Rolle.
Was ist aus Ihrer Sicht derzeit der stärkste Treiber für Zertifizierungen? (Ranking)
wichtigste Treiber:
- Regulierung
- Förderbedingungen
- Bankanforderungen
- Investoren
Weniger relevant:
- Kundennachfrage
- Nachhaltigkeitsüberzeugung
Als wichtigste Treiber für Zertifizierungen nennen die Befragten regulatorische Anforderungen und Förderbedingungen. Auch Banken und Investoren spielen eine wichtige Rolle. Kundennachfrage oder intrinsische Nachhaltigkeitsüberzeugung werden dagegen deutlich seltener als Hauptmotivation genannt.
Green Finance: Welche Nachweise haben derzeit das größte Gewicht bei Finanzierungen?
Ergebnis
- Energieausweis: 30,2 %
- Gebäudestandards: 30,2 %
- EU-Taxonomie: 26,4 %
- generell kaum relevant: 13,2 %
Bei Finanzierungen spielt derzeit kein einzelner Nachhaltigkeitsnachweis eine dominierende Rolle. Energieausweise und Gebäudestandards werden am häufigsten genannt, dicht gefolgt von der EU-Taxonomie. Ein Teil der Befragten sieht Nachhaltigkeitsnachweise bei Finanzierungen allerdings noch als wenig relevant.
Sehen Sie die Gefahr einer „Zwei-Klassen-Welt“ am Immobilienmarkt (taxonomiekonform vs. stranded assets)?
Ergebnis
- ja: 26,4 %
- teilweise: 32,1 %
- nein: 9,4 %
- noch zu früh zu beurteilen: 32,1 %
Die Branche ist in dieser Frage uneinig. Rund ein Viertel der Befragten sieht bereits die Gefahr eines gespaltenen Immobilienmarktes, während ein Drittel diese Entwicklung zumindest teilweise erwartet. Ebenso viele halten eine Bewertung derzeit noch für verfrüht.