Gewerbe und Handwerk steuert auf das siebte Jahr im Minus zu
Das Gewerbe und Handwerk steckt weiter in der Krise. Das zeigen die Ergebnisse der Konjunkturbeobachtung für das dritte Quartal 2026, die am 20. Oktober bei einem Pressegespräch in der Wirtschaftskammer Österreich präsentiert wurden. Neben Mst. Ing. Manfred Denk, MBA, Obmann der Bundessparte Gewerbe und Handwerk, nahmen Bmst. Ing. Robert Jägersberger, Bundesinnungsmeister Baugewerbe, und Mag. Christina Enichlmair, M.A., von der KMU Forschung Austria teil. Ein besonderer Fokus lag diesmal auf der Bauwirtschaft.
„Wir steuern, so wie es aussieht, 2026 auf das mittlerweile siebte Jahr in Folge mit einem realen Minus im Gewerbe und Handwerk zu“, sagte Denk. Was für die österreichische Gesamtwirtschaft bereits die längste Rezession der Nachkriegszeit sei, wiege für die Sparte noch deutlich schwerer. Die Erwartungen der Betriebe liegen inzwischen 16 Quartale in Folge im negativen Bereich. „Andauernde geopolitische Unsicherheit, weiterhin steigende Kosten, schwache private wie öffentliche Nachfrage – das ist ein Giftmix“, so Denk. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, brauche es den Wachstumsmotor Bauwirtschaft.

Ausblick auf das vierte Quartal bleibt pessimistisch
Laut KMU Forschung Austria sind die Auftragseingänge bzw. Umsätze im ersten Halbjahr 2026 nominell um 1,8 Prozent zurückgegangen. Da die Verkaufspreise um 2,7 Prozent stiegen, ergibt sich real ein Minus von 4,4 Prozent. Im dritten Quartal melden 20 Prozent der Betriebe eine gute und 28 Prozent eine schlechte Geschäftslage, der Saldo liegt bei minus 8 Prozentpunkten. „Das einzig Positive ist, dass es keine weitere Verschlechterung der Stimmung gibt“, sagte Enichlmair.
Für das vierte Quartal 2026 erwarten nur 15 Prozent der Betriebe steigende Auftragseingänge oder Umsätze, üblich wären rund 20 Prozent. 25 Prozent rechnen mit Rückgängen, 60 Prozent mit keiner Veränderung. Der Saldo der Erwartungen liegt damit bei minus 10 Prozentpunkten. Besonders skeptisch blicken die investitionsgüternahen Branchen wie Bau- und Baunebengewerbe in den Winter (minus 15 Prozentpunkte), im konsumnahen Bereich liegt der Saldo bei minus 4 Prozentpunkten.

Einen Lichtblick gibt es beim Auftragsbestand: In den investitionsgüternahen Branchen ist er um 1,6 Prozent gestiegen, erstmals seit 2022 gibt es in einem dritten Quartal wieder ein leichtes Plus. Die Betriebe sind im Schnitt 12,5 Wochen ausgelastet. Gleichzeitig melden 45 Prozent freie Kapazitäten, ein so hoher Wert in einem dritten Quartal wurde zuletzt 2017 gemessen. Die Personalplanung bleibt verhalten, aber stabil: Der Beschäftigtenstand soll im vierten Quartal um durchschnittlich 2 Prozent steigen.

Bauwirtschaft fordert Deregulierung und bessere Finanzierung
Bundesinnungsmeister Robert Jägersberger verwies auf die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Branche. Die Bau- und Immobilienwirtschaft erwirtschaftet direkt 52,1 Milliarden Euro an Wertschöpfung, inklusive Zulieferverflechtungen und Konsumeffekten sind es 84,8 Milliarden Euro, also rund jeder fünfte Euro der österreichischen Wirtschaftsleistung. Er zitierte WIFO-Chef Gabriel Felbermayr: „Wenn man was tun will für die Konjunktur, wäre der Bau ein zentrales Element, wo man ansetzen müsste.“ Nach der Industriestrategie brauche es daher eine Baustrategie.
Wohnbau dürfe nicht konjunkturabhängig sein, sondern solle nach Bedarf erfolgen, so Jägersberger. Zu den Forderungen der Bundesinnung zählen die Deregulierung von Bauvorschriften, etwa nach dem Vorbild der niederösterreichischen Bauordnung, die bei Umbauten und Sanierungen den Bestand als Basis zulässt. Damit Bauen abseits der Norm möglich wird, brauche es zudem zivilrechtliche Absicherung. Weitere Punkte sind eine wirkungsvolle Baulandmobilisierung, ein Ende der Nachwirkungen der ausgelaufenen KIM-Verordnung bei der Kreditvergabe sowie eine Entschärfung des Systemrisikopuffers, der laut WIFO die reale Wertschöpfung am Bau um 1 Prozent drückt. Außerdem fordert die Bundesinnung die Wiedereinführung der Zweckbindung der Wohnbauförderung, planbare Förderungen und einen echten Bürokratieabbau.
Sanierung, Ortskerne und schnellere Verfahren
Denk ergänzte, dass von der Sanierungsoffensive nur ein Teil der Betriebe profitiere: Von den 500 Millionen Euro fließen rund 180 Millionen in den Kesseltausch, der Rest in die thermische Sanierung. Er forderte mehr Förderung für umfassende Sanierungen, auch um Orts- und Stadtkerne zu beleben und Grünland zu erhalten. Wo Sanieren nicht wirtschaftlich ist, müsse ein Ersatzneubau am selben Standort möglich sein. Auch Gemeinden bräuchten mehr Mittel für Infrastrukturprojekte.
„Österreich braucht jetzt einen echten Bauplan für einen Aufschwung“, sagte Denk. Bund, Länder und Gemeinden sollen die Baustrategie gemeinsam mit der Bauwirtschaft entwickeln. Konkret nannte er kürzere Genehmigungsverfahren, eine durchgängig digitale Einreichung, weniger doppelte Nachweise, gemeinsame Sachverständigenpools der Gemeinden sowie einheitlichere Bauordnungen in ganz Österreich.
Gewerbe und Handwerk will die Lehre aufwerten
Ein zweiter Schwerpunkt war die Lehrlingsausbildung. In Wien ist die Zahl der Lehrstellensuchenden laut Denk in zwei Jahren von rund 4.000 auf mehr als 6.000 gestiegen, während in Oberösterreich, Salzburg, Kärnten und Tirol Lehrstellen offenbleiben. Österreichweit fehlen rund 2.100 Lehrplätze. Denk wünscht sich mehr Mobilität der Jugendlichen und bietet Unterstützung, etwa bei Wohnmöglichkeiten, an. Viele Betriebe könnten die steigenden Kosten nach Jahren der Rezession nicht mehr schultern und verzichteten deshalb auf die Ausbildung.

Den Vorwurf einer unfairen Entlohnung weist Denk zurück: Im Metallgewerbe seien die Lehrlingseinkommen in drei Jahren um rund 29 Prozent gestiegen, bei den Friseuren um etwa 35 Prozent. Gleichzeitig sei die Basisförderung für Ausbildungsbetriebe um 25 Prozent gekürzt worden – bei Ausbildungskosten der Betriebe von insgesamt rund 3 Milliarden Euro.
Laut WKÖ-Fachkräfteradar 2026 halten 48,2 Prozent aller Betriebe und 68,5 Prozent der Ausbildungsbetriebe eine attraktivere Lehre für hilfreich. An erster Stelle steht die Entlastung bei den Lohnnebenkosten (67,7 Prozent), gefolgt von einer stärkeren Berufsorientierung in der Pflichtschule (64,8 Prozent). Denk will zudem Maturantinnen, Maturanten und Erwachsene mit verkürzten Lehrzeiten gewinnen und fordert einen allgemeinen Hochschulzugang mit Meisterprüfung. Ein entsprechender Antrag „Lehre stärken – Fachkräfte sichern – Ausbildung modernisieren“ wurde im Juni im Wirtschaftsparlament einstimmig beschlossen. Eine Kernforderung ist die Vier-Tage-Woche für Lehrlinge: Dafür müsste die tägliche Normalarbeitszeit für Jugendliche von neun auf zehn Stunden angehoben werden, wie es der EU-Rahmen erlaubt.
