Blackout in Berlin: Was der Vorfall über die Energiewende verrät
Ein tagelanger Stromausfall in Berlin hat Anfang Jänner schmerzhaft gezeigt, wie schnell moderne Städte an ihre Grenzen kommen, wenn kritische Infrastruktur im Rahmen eines Blackout ausfällt: Licht, Heizung, Mobilfunk, Internet und Teile des öffentlichen Lebens waren in betroffenen Bezirken massiv eingeschränkt. Auslöser war laut Medienberichten kein Cyberangriff auf die Netzsteuerung, sondern ein mutmaßlicher Brandanschlag/Sabotage an Stromkabeln nahe dem Kraftwerk Lichterfelde.
Gleichzeitig beschreibt ein aktueller McKinsey-Bericht*, warum die Energiewende ohne mehr Software, mehr Steuerung und mehr Vernetzung kaum funktionieren wird – und warum genau diese Entwicklung neue Anforderungen an Sicherheit und Resilienz stellt.
Der Berliner Stromausfall: kein Hacker Blackout, aber ein Realitätscheck
In der öffentlichen Wahrnehmung wird bei großflächigen Stromausfällen schnell von „Hackerangriffen“ gesprochen. Doch der Berliner Fall ist ein Beispiel dafür, dass schon physische Angriffe auf wenige zentrale Komponenten enorme Auswirkungen haben können. Tagesspiegel und Standard berichten von zerstörten Hochspannungskabeln an einer Kabelbrücke und einem mehrtägigen Ausfall in Berlins Südwesten.
Ein weiterer Effekt: Als der Strom weg war, fiel vielerorts auch die Kommunikation aus – Mobilfunk und Internet funktionieren ohne Notstrom nur begrenzt. Medien und Experten verweisen deshalb verstärkt auf Kaskadeneffekte zwischen Stromversorgung und Telekommunikation.
Die Energiewende macht Systeme komplexer – und damit verletzlicher
McKinsey skizziert eine klare Entwicklung:
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Erneuerbare Energien werden zum dominierenden Teil der Stromerzeugung (volatil, wetterabhängig).
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Gleichzeitig steigt der Strombedarf durch Elektrifizierung (Wärmepumpen, E-Mobilität, Industrie).
Das bedeutet: Die Herausforderung ist nicht nur „mehr Strom“, sondern intelligentere Steuerung – in Netzen, Gebäuden und Betrieben. Genau deshalb gewinnen Energy Management Systems (EMS) an Bedeutung: Sie koordinieren Erzeugung, Speicher und Verbrauch (z. B. PV, Batteriespeicher, Laden von E-Fahrzeugen, Wärmeerzeugung) und optimieren nach Preis, Verfügbarkeit und Netzanforderung.
McKinsey erwartet, dass der EMS-Markt (ohne Netz-Anwendungen) bis 2030 auf rund 116 Mrd. US-Dollar wachsen könnte – mit einem Schwerpunkt in der Industrie.
EMS als „Gehirn“ – und warum das auch eine Sicherheitsfrage ist
Der Bericht beschreibt Gebäude und Standorte als künftige „Prosumers“: Sie verbrauchen nicht nur Energie, sondern produzieren auch selbst (z. B. PV) und steuern aktiv Lasten. EMS werden damit zum „Betriebssystem“ dieser dezentralen Energiearchitektur – mit Schnittstellen zu Geräten, Datenplattformen und teils auch zu Netzbetreibern. Das bringt eine neue Doppelaufgabe:
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Effizienz & Kosten senken (z. B. Peak Shaving, Lastverschiebung, Eigenverbrauchsoptimierung)
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Resilienz erhöhen, damit Gebäude und Betriebe bei Störungen nicht sofort handlungsunfähig werden
Berlin zeigt: Selbst wenn die Ursache physisch war, entscheidet am Ende die Frage, wie gut ein Standort Ausfälle überbrückt – technisch und organisatorisch.
Vom Ausfall zur Lösung: Was Bau- und Gebäudetechnik jetzt einplanen sollten
Die Konsequenz aus beiden Perspektiven (Berlin + McKinsey) ist eindeutig: Dekarbonisierung ist nicht nur ein Umbau der Energiequellen – es ist ein Umbau der Systemarchitektur.
Dazu gehören aus Sicht von Bau- und Gebäudetechnik:
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Notstrom- und Kommunikationskonzepte (Was passiert mit Heizung, Türen, IT, Mobilfunk bei Ausfall?)
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Fallback-Betrieb für kritische Verbraucher (lokal/manuell steuerbar, definierte Prioritäten)
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Inselbetriebsfähigkeit (wo möglich, z. B. PV + Speicher für begrenzte Grundversorgung)
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Cybersecurity-by-design für EMS/GLT/IoT (Segmentierung, Rollenrechte, Update-Strategie, Monitoring)
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Schnittstellen-Standards statt Insellösungen, damit Systeme im Krisenmodus stabil bleiben
McKinsey unterscheidet hier besonders im Industriebereich zwischen „passiven“ EMS (Transparenz/Empfehlungen) und „aktiven“ EMS, die Prozesse in Echtzeit optimieren können – etwa indem energieintensive Schritte in günstigere oder netzfreundlichere Zeitfenster verschoben werden.
Infobox: 5 Lehren aus Berlin für Gebäude, Gewerbe und Industrie
1) Resilienz ist ein Planungsziel
Nicht nur Effizienz, sondern auch „Was passiert bei Ausfall?“.
2) Energieversorgung und Kommunikation sind gekoppelt
Ohne Strom brechen Mobilfunk/Internet schnell ein – Notstrom muss mitgedacht werden.
3) EMS ist kein „nice to have“ mehr
Wer PV, Speicher, Ladepunkte und Wärmeerzeugung kombiniert, braucht intelligente Steuerung.
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4) Physische Sicherheit bleibt relevant
Berlin zeigt: Schutz beginnt bei Kabeln, Schaltanlagen und Zugängen.
5) Cybersecurity muss Standard werden
Mehr Vernetzung bedeutet mehr Angriffsfläche – Sicherheitsarchitektur gehört ins Pflichtenheft.
Die Zukunft ist elektrisch – und softwaregesteuert
Der Berliner Vorfall war nach aktuellem Stand kein Hackerangriff auf die Netzsteuerung, aber ein eindrückliches Beispiel für die Verletzlichkeit kritischer Infrastruktur. McKinsey zeigt gleichzeitig: Die Energiewende wird nur funktionieren, wenn Software – insbesondere Energy Management Systems – Energieflüsse intelligent steuert. Für Bau, Immobilienwirtschaft und Industrie heißt das: Dekarbonisierung und Resilienz müssen gemeinsam gedacht werden – von der technischen Gebäudeausrüstung bis zur digitalen Systemarchitektur.
* Quelle: McKinsey & Company (2025): Software: The hidden catalyst for decarbonization. Industrials & Electronics Practice, Dezember 2025. Zusammenfassung und deutsche Bearbeitung durch a3BAU.