Hans Jörg Ulreich (Fachverband Immobilien- und Vermögenstreuhänder), Klaus Thürriedl (Bundeskammer der Ziviltechniker:innen), Daniel Fügenschuh (Bundeskammer der Ziviltechniker:innen), Susanne Draxler (stellvertretend für den Fachverband Ingenieurbüros), Walter Seemann (WK Wien), Conrad Bauer (Wirtschaftskammer Wien) (v.l.n.r.)
Sanierungsgipfel 2026: Kooperation als Schlüssel zur Umsetzung
Ein zentraler Schritt dabei ist der erstmalige Schulterschluss zwischen Wirtschaftskammer Wien, Landesinnung Bau, Fachverband der Immobilien- und Vermögenstreuhänder, Fachverband der Ingenieurbüros und Bundeskammer der Ziviltechniker:innen. Damit bündeln einige maßgebliche Institutionen ihre Kräfte entlang der Wertschöpfungskette – und schaffen die Grundlage für abgestimmtes Handeln zwischen Planung, Ausführung und Betrieb.
Schulterschluss entlang der Wertschöpfungskette
Dass dieser Schulterschluss auch eine klare wirtschaftliche Dimension hat, machte Conrad Bauer, Vizepräsident der Wirtschaftskammer Wien, deutlich: Die Bestandsoptimierung sei längst ein zentrales Thema für den Standort, von dem rund 110.000 Wiener Betriebe – und damit nahezu jedes zweite Unternehmen – direkt oder indirekt betroffen sind.
„Die Kooperation mit der Kammer der Ziviltechniker:innen ist daher ein logischer und notwendiger Schritt. Gemeinsam können wir auf Landes- und Bundesebene bessere Rahmenbedingungen schaffen und den Standort Wien nachhaltig stärken“, betonte Bauer.
Auch aus Sicht der Planer:innen ist der Schulterschluss ein entscheidender Hebel für wirksame Kooperationen: Daniel Fügenschuh, Präsident der Bundeskammer der Ziviltechniker:innen, verwies auf die zentrale Rolle des Gebäudesektors im Energieverbrauch und damit für die Klimaziele.
„Die Zukunft des Bauens liegt im Weiterbauen, Umbauen und Aktivieren vorhandener Strukturen. Der Bestand in Österreich bietet viel Potenzial, das genutzt werden muss und wir Ziviltechniker:innen sehen uns in einer Schlüsselposition, um hier Zukunftslösungen zu gestalten“, so Fügenschuh.
Gemeinsam wirksam werden: Kooperationen in der Praxis
Was sich bereits im vergangenen Jahr abgezeichnet hat, wird damit konsequent weitergeführt: Kooperationen über Verbands- und Disziplingrenzen hinweg sind zur zentralen Voraussetzung geworden, um Sanierung und Bestandsoptimierung als gesamtwirtschaftliche Aufgabe voranzubringen. Entsprechend geht es beim diesjährigen Gipfel nicht mehr um Problembeschreibungen, sondern um konkrete nächste Schritte und gemeinsame Umsetzung.
Bereits der erste Sanierungsgipfel im Mai 2025 hat gezeigt, welches Potenzial in der Zusammenarbeit liegt: 24 Verbände und Organisationen der Bau- und Immobilienwirtschaft haben im Vorjahr einen gemeinsamen Prozess gestartet, um die Sanierung als zentralen Hebel für Klimaschutz, Ressourcenschonung und wirtschaftliche Entwicklung zu positionieren.
In einem darauffolgenden vertiefenden Arbeitsprozess wurden vier zentrale Handlungsfelder definiert: die Positionierung der Sanierung als Werttreiber von Immobilien, die Entwicklung transparenter und vergleichbarer Bewertungsansätze für den Gebäudebestand, neue Finanzierungs- und Geschäftsmodelle sowie die Stärkung von Hausverwaltungen und Facility Management als Schlüsselakteur:innen in der Umsetzung.
Sanierung beschleunigen: bessere Daten, mehr Know-how, tragfähige Finanzierung
Aufbauend auf den Ergebnissen des Vorjahres wurde etwa im Bereich Finanzierung betont, dass tragfähige Modelle eine zentrale Voraussetzung für Sanierungen sind, insbesondere für Gemeinden, die künftig zusätzliche Energieeinsparverpflichtungen erfüllen müssen.
Im Zuge des Sanierungsgipfels 2026 stellte sich zudem ein verbesserter Zugang zu Energieausweis-Daten als ein wesentliches Anliegen heraus. Diskutiert wurde unter anderem eine nationale Bundes-Energieausweis-Datenbank, die einschlägige Daten strukturierter verfügbar und besser auswertbar macht – als Grundlage für fundierte Entscheidungen im Portfoliomanagement, für Eigentümer:innen und Forschungseinrichtungen.
Auch bestehende Aus- und Weiterbildungsangebote – etwa von klimaaktiv – sollen stärker sichtbar gemacht, gebündelt und über die eigene Fach-Community hinaus genutzt werden. Ergänzend dazu sollen neue Weiterbildungsmodule zur Sanierung entwickelt und in einem Roundtable mit relevanten Stakeholdern weiter konkretisiert werden.
Rahmenbedingungen vereinfachen, Zusammenarbeit stärken
Weitere Initiativen zielen darauf ab, Prozesse zu vereinfachen, regulatorische Hürden abzubauen und die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Akteur:innen zu stärken. Als wesentliches Sanierungshindernis wurde die hohe Komplexität durch neun unterschiedliche Bauordnungen, unterschiedliche Förderlandschaften und vielfältige rechtliche Rahmenbedingungen identifiziert. Entsprechend groß ist der Bedarf an Harmonisierung, sowohl bei Bauvorschriften und Förderungen als auch bei angrenzenden Rechtsmaterien wie dem Mietrecht. Vorgesehen sind Gespräche mit relevanten Stellen, die stärkere Einbindung juristischer Expertise sowie abgestimmte Positionen, um praxistaugliche und umsetzbare Rahmenbedingungen für Sanierungsprojekte zu schaffen.
Die beteiligten Verbände und Organisationen werden die Entwicklung der angestoßenen Initiativen weiter begleiten und Einblicke in Fortschritte und Erkenntnisse geben.
Stimmen zum Sanierungsgipfel 2026
Conrad Bauer, Vizepräsident der Wirtschaftskammer Wien
„Die Bestandsoptimierung ist längst ein zentrales Thema für den Wirtschaftsstandort Wien. Rund 110.000 Wiener Betriebe sind direkt oder indirekt damit befasst – das entspricht nahezu jedem zweiten Unternehmen in der Stadt. Diese Dimension zeigt deutlich, welche wirtschaftliche und strategische Bedeutung der Umgang mit dem Gebäudebestand hat. Um dieses Potenzial gezielt zu heben, ist eine enge Zusammenarbeit aller relevanten Akteur:innen entscheidend.
Die Kooperation mit der Kammer der Ziviltechniker:innen ist daher ein logischer und notwendiger Schritt. Gemeinsam können wir auf Landes- und Bundesebene bessere Rahmenbedingungen schaffen und den Standort Wien nachhaltig stärken.“
Walter Seemann, WK Wien-Bezirksobmann und Vertreter der Landesinnung Bau Wien
„Ohne echten Schulterschluss wird die Sanierung des Gebäudebestands nicht gelingen. Zu viele Zuständigkeiten, zu komplexe Rahmenbedingungen und zu wenig Abstimmung bremsen heute noch die Umsetzung. Was es jetzt braucht, ist ein gemeinsames Vorgehen aller Akteur:innen – von Politik und Verwaltung über Wirtschaft und Finanzierung bis hin zu den Betrieben vor Ort.
Der Sanierungsgipfel muss genau diesen Schulterschluss festigen – mit klaren nächsten Schritten statt weiterer Absichtserklärungen. Denn der Bestand ist kein Randthema, sondern ein zentraler Hebel für unseren Wirtschafts- und Klimastandort.“
Rainer Gagstädter, Vorsitzender des Fachverbandes Ingenieurbüros
„Der Sanierungsgipfel zeigt klar: Ohne Schulterschluss aller Beteiligten wird die Transformation des Gebäudebestands nicht gelingen – und Ingenieurbüros müssen dabei von Anfang an eine tragende Rolle einnehmen. Qualitativ hochwertige Sanierung beginnt mit fundierter technischer Analyse und ganzheitlichen Konzepten, die wirtschaftlich, genehmigungsfähig und langfristig tragfähig sind.
Gerade für die Dekarbonisierung des Bestands ist dieses Zusammendenken entscheidend. Wenn Gebäudehülle, Technik, Energieversorgung und Nutzung integriert geplant werden, entstehen Lösungen, die CO₂-Emissionen wirksam senken und gleichzeitig wirtschaftlich sinnvoll sind. Frühzeitig eingebundene Ingenieurbüros leisten damit einen zentralen Beitrag für einen klimafitten und zukunftsfähigen Standort.“
Hans Jörg Ulreich, Bauträger-Berufsgruppensprechers des Fachverbandes der Immobilien- und Vermögenstreuhänder
"Die Ziele sind für uns klar: Erstens: Sanierungen in der bebauten Stadt müssen mit zusätzlicher Wohnraumschaffung einhergehen - ohne Verdichtung und Erhöhung im Bestand schaffen wir weder Klimaziele noch genügend Angebot für leistbaren Wohnraum. Zweitens: Generalsanierungen sind nicht nur energetisch auf Neubauniveau und müssen somit heraus aus der Richtwertmiete und endlich im Mietrecht Neubauten gleichgestellt werden."
Daniel Fügenschuh, Präsident der Bundeskammer der Ziviltechniker:innen
„Der Gebäudesektor macht 40% des europäischen Energiebedarfs aus. In Zeiten hoher Energiepreise und unsicherer Versorgungslagen kommt der Baubranche daher eine zentrale Rolle zu, denn Sanierungen können den Energieverbrauch deutlich reduzieren. Daher gehört der Umgang mit Ressourcen und Bestand zu den entscheidenden baukulturellen Fragen unserer Zeit.
Die Zukunft des Bauens liegt im Weiterbauen, Umbauen und Aktivieren vorhandener Strukturen. Der Bestand in Österreich bietet viel Potenzial, das genutzt werden muss und wir Ziviltechniker:innen sehen uns in einer Schlüsselposition, um hier Zukunfts-Lösungen zu gestalten.“
Klaus Thürriedl, Vizepräsident der Bundeskammer der Ziviltechniker:innen
„Die gebaute Umwelt steht im Zentrum vieler großer Herausforderungen unserer Zeit: Die Anpassung an den Klimawandel, der Ressourcenverbrauch und der Mangel an leistbarem Wohnraum. Als Planerinnen und Planer entwickeln wir neue Wege, z.B. bei der Schaffung von Wohnraum oder Infrastrukturen, die ökologische Verantwortung, wirtschaftliche Tragfähigkeit und gesellschaftliche Bedürfnisse miteinander verbinden.
Um nachhaltig etwas zu verändern, ist ein radikales Umdenken in der Baubranche notwendig. Mit dem heutigen Schulterschluss zeigen wir: Die Branche ist bereit, Teil der Lösung sein.“
Ulla Unzeitig, Innovationslabor Renowave
„Damit Innovationen wirken können, müssen die rechtlichen und finanziellen Voraussetzungen dringend angepasst werden: Die technischen Lösungen haben wir – jetzt will die Baubranche das auch umsetzen können. Dazu brauchen wir stabile, verlässliche Förderungen sowie Weichenstellungen bei den rechtlichen Rahmenbedingungen. Erst dann werden wir unseren Gebäudebestand kulturell und energetisch nachhaltig umbauen können.“
Margot Grim-Schlink, Vorstand IG Lebenszyklus Bau
„Der Gebäudebestand ist ein entscheidender Hebel zur Erreichung der Klimaziele, Ressourcenschonung und wirtschaftliche Stabilität. Die zentrale Herausforderung liegt darin, die vorhandenen Lösungen wirtschaftlich darstellbar und skalierbar zu machen.
Dazu braucht es ein Zusammenspiel aus vielen einzelnen Puzzlestücken wie klare Leistungsbilder, praktikable Ansätze in der Kreislaufwirtschaft, strategische Dekarbonisierung auf Portfolioebene sowie eine sinnvolle Digitalisierung im Bestand. Aber auch das Zusammenspiel der einzelnen Beteiligten, die für all diese Themen Lösungswege erarbeiten und dafür einstehen, dass sie angewendet werden.“
Thomas Hoppe, Präsident Verband der Ziviltechniker- und Ingenieurbetriebe
„Wenn wir die Klima- und Ressourcenziele ernst nehmen, führt kein Weg am Bestand vorbei. Sanierungs- und Transformationsprojekte müssen klar Vorrang vor dem Neubau haben. Gleichzeitig braucht es endlich verlässliche Rahmenbedingungen – von vereinfachten Genehmigungsverfahren bis hin zu gezielten Anreizen.
Entscheidend ist aber auch, wie wir planen: Integrale Planung, digital vernetzt und qualitätsorientiert vergeben, ist der Schlüssel. Das Bestbieterprinzip muss konsequent gestärkt werden. Nur so können wir die Potenziale im Bestand heben und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähige Lösungen schaffen.“